10 Fragen an…

Okay, ich habe euch lange genug auf die Folter gespannt. (gebt’s zu, ihr wart gar nicht neugierig. ) Hier ist nun das versprochene Interview. Neiiin, nicht mit Rebecca Gablé. Die hat noch nicht auf meine Mail geantwortet. Aber eine Autorin sitzt ja sicher nicht den lieben langen Tag vor dem PC und wartet darauf, dass ihr eine unbedeutende Person schreibt und wegen eines Interviews für ihren ebenso unbedeutenden Blog anfragt.

Aber wer wurde denn nun eigentlich interviewt? Leider kein Promi, so leid es mir tut und auch kein (anderer) Autor. Aber ihr wisst ja, dass ich mich nicht nur für Bücher interessiere, sondern auch für Fotografie. Viele Leute mit dem Hobby kenn ich leider nicht in meinem Umfeld. Aber ich kenne immerhin einen.

Und das ist Fabian. Er ist vier Jahre jünger als ich, hat aber schon weitaus mehr von der Welt gesehen als ich (hm, ich mach wohl irgendwas falsch – scheiß Heimweh!) und dieses Jahr sein Abi gemacht. Jetzt studiert er Kommunikationsdesign (hachja, hätte ich mindestens Fachabi, würd ich das auch machen. Aber dafür ist es ja nie zu spät). Zuvor allerdings hat er eine Reise gemacht. Aber er ist nicht mal eben zum Besaufen nach Malle geflogen, um sein Abi zu feiern. Das ist ja langweilig. Sicher kommen dabei auch ein paar nette Fotos raus, aber es gibt was Besseres. Nämlich eine Radtour quer durch Europa zu machen…

Du bist im Sommer knapp einen Monat mit dem Fahrrad durch halb Europa gefahren. Dein Ziel war Istanbul. Wie kamst du auf diese Idee?

Nun es war nicht knapp ein Monat sondern mehr: 35. Tage 😉
Mit dem Rad bin ich von Aachen nach Istanbul gefahren. Gestartet bin ich aber auf Island. Allerdings zu Fuß. Insgesamt habe ich in diesem Sommer Europa also einmal komplett durchquert: Island liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken und damit sowohl auf der Nordamerikanischen als auch auf der Eurasischen Platte. Istanbul schließlich erstreckt sich sowohl auf der europäischen als auch auf der asiatischen Seite des Bosporus und ist damit die einzige Metropole, die auf zwei Kontinenten liegt.

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Per Rad war ich schon in ganz Europa unterwegs: Die Südküste von England, durch Italien, Deutschland, Schweden, Belgien, Frankreich, die Niederlande und die Schweiz. Außerdem lege ich zuhause so gut wie jede Strecke per Rad zurück.
Mein großer Traum ist es nach Tibet/Nepal mit dem Rad zu fahren. Es gibt eine nördliche und eine südliche Route. Die südliche führt allerdings durch den Irak, Afghanistan, Iran und Pakistan. Das sind jetzt nicht unbedingt die entspannten Urlaubsländer… Die nördliche Route führt durch die ganzen „stan“-Länder: Kazakhstan, Turkmenistan, Uzbekistan, Kyrgystan, Tajikistan … und wie sie alle heißen …
Nach dem Abi hatte ich mit dem Gedanken gespielt diese Tour zu machen. Schnell wurde mir jedoch bei ersten Recherchen klar, dass ich wegen der Abi-Prüfungen nicht früh genug los kommen konnte. Insbesondere die Himalaya-Überquerung ist später im Jahr noch weniger möglich weil die Pässe dann in jeden Fall unpassierbar sind.
Alternativ hatte ich mir überlegt von Aachen nach Ägypten, und dort den Nil hoch zu fahren. Im Gegensatz zum Himalaja ist es da im Winter angenehm warm 😉
Da ich in Aachen jedoch die Zusage zu einem Studienplatz bekommen habe, musste ich mir ein Ziel suchen, dass in der Zeit bis Semesterbeginn zu erreichen ist. Istanbul hatte diese Distanz.

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Welche Vorbereitungen hast du vor der Reise getroffen?
Ich habe beim Auswärtigen Amt die Reise- und Sicherheitshinweise zu den Ländern auf der Strecke gelesen. Kurz in Foren gestöbert.
Karten bestellt.
Ich stand vor der Wahl mein altes Rad zu reparieren. Habe mich dazu entschieden mir ein neues zu bauen.

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Durch welche Länder bist du gefahren?

Diesen Sommer insgesamt durch Island, die Färöern, Dänemark. Per Rad dann durch Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien und die Türkei. Insgesamt zwölf Länder mit 9 verschiedenen Währungen.

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Was war das für ein Gefühl, als du in den ärmeren Ländern ankamst?

Ungarn, Kroatien und Serbien waren doch im weiteren Sinne noch eher west-europäisch.
Bulgarien und Rumänien waren dann doch schon „anders“. Es fahren viele Esel- und Pferde-Wagen rum. In kleineren Dörfern ist die Hauptstrasse noch asphaltiert, die kleineren Straßen zum Teil hingegen noch nicht. Die Menschen waren jedoch weiterhin unglaublich hilfsbereit.

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Welchen Menschen bist du begegnet?

Unglaublich vielen! Zum einen ein paar andere Reisende, aber viel mehr Menschen, mit denen ich mich mit Händen und Füßen, Gesten, Zeichnungen, manchmal ein paar Brocken Englisch „unterhalten“ habe. Und erstaunlicherweise auch öfter mit alten Männern auf Deutsch.

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In Deutschland und Österreich ist ein unglaublich gut ausgebautes Fernradwegenetz und auch viel Radverkehr, sodass man immer jemanden am Campingplatz trifft um ein bisschen zu Reden.
In Koblenz hatte ich mich mit einem Australier verfahren, der seit April mit dem Rad durch Europa unterwegs war.
Hinter Budapest habe ich zwei Studenten getroffen, mit denen ich einen Tag gefahren bin.
Aber auch sehr schräge Vögel trifft man (wenn man so will, bin ich ja selbst einer ;). Wie einem Franzosen, der mit seinem umgebauten LKW unterwegs war. Oder aber einen anderen Franzosen, der seit 25 Jahren nonstop zu Fuß unterwegs ist und sich am Straßenrand einen Joint aus Wildwachsendem Hanf drehte, als ich vorbeikam. Oder ein Pärchen, dass seit 1,5 Jahren mit dem Rad unterwegs ist.

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Aber halt so viele Menschen, von denen ich den Namen nur mit Mühe aussprechen konnte. Menschen die mir mit Gesten, Zeichnungen und vielen Worten – die ich nicht verstanden habe – beispielsweise den Weg erklärt haben.

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Die kroatische Mutter, die mir ihren Anhänger von ihrer Kette zum Abschied in die Hand gedrückt hat (Bis nach Istanbul hat er am Lenker gehangen. Auf dem Rückflug ist er leider verloren gegangen 🙁

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Den Rennradfahrer, der mich durch den Verkehr von Belgrad geführt haben.
Werner Friedrich, der in Deutschland gearbeitet hatte und nun seine Rente in Serbien genoss. Er hat mich zu sich eingeladen und eine riesen Fleischplatte aufgetischt.

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Der serbische Mediziner, den ich auf dem höchsten Turm einer zerfallenen Burgruine beim Sonnenbaden getroffen habe. Er arbeitete im Vertrieb für ein nachgemachtes Viagra (das Wort wird dir wahrscheinlich viele neue Gäste bringen 😉 und wanderte im Oktober nach Bergen aus.

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Den Angestellten in einem teuren Hotel in Bulgarien, der mich das Internet und Telefon von der Rezeption hat benutzen lassen und für mich durch ganz Bulgarien telefoniert hat um Buszeiten rauszubekommen. Und das obwohl ich gar nicht Gast war.
Und einfach so so so viele mehr, ich gerade beim Aufschreiben vergessen habe, aber trotzdem ein Teil der Reise waren.

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Wie haben die Menschen, denen du begegnet bist, reagiert?

In Deutschland und Österreich waren die anderen Radfahrer interessiert und hatten einen Traum, eine ähnlich lange Tour zu machen.
Nachher in Kroatien und Serbien waren die Menschen neugierig und wollten super viel erfahren. Sie fanden es aber einfach unverständlich, warum man so eine Tour macht. Die Menschen arbeiten teilweise echt hart und so was entspricht dann so gar nicht ihrem Bild von „Urlaub“. Zudem das alles auch noch ohne Motor. Insbesondere bei den Jüngeren war ein Motorisierter Untersatz ein Heiligtum.

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Welches war das schönste/schlimmste Erlebnis?

Das schönste Erlebnis?! Der Topf Nudeln! Jeden Abend wieder aufs neue! Und das Gefühl wenn man dann so papp satt ist, dass man die letzten Nudeln einfach nicht mehr aufkriegt. Naja es gibt einfach so viele schöne Erlebnisse … das Gefühl, als ich losgefahren bin … die unglaublichen Landschaften entlang der Strecke … die vielen freundlichen, hilfsbereiten Menschen entlang der Strecke …
Das schlimmste Erlebnis?! Nunja, nachdem ich verdrecktes Wasser in Ungarn getrunken habe lag ich einen Tag kotzend im Bett … muss ich, denke ich aber nicht weiter ausführen.

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Hast du dich manchmal einsam gefühlt?

Ja. Bevor ich den Topf Nudeln verdrückt hatte. Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Stimmung von der Ernährung abhängt.
Ansonsten einfach schon das Rad abzustellen ist alleine ja ein kleines Problem. Wenn man zum Beispiel einkauft, habe ich das Rad selbstverständlich angeschlossen. Das gesamte Gepäck stand da aber einfach unbewacht rum. Oder auch die Suche nach einer Unterkunft. So was ist zu zweit einfach viel entspannter.

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Du bist durch ehemalige Kriegsgebiete gefahren. In Serbien (?) hast du zerbombte Häuser gesehen. Was war das für ein Gefühl?

Die Grenze zwischen Kroatien und Serbien war wohl stark umkämpft. Insbesondere auf kroatischer Seite sind noch viele Kriegsschäden vorhanden. In den Städten sind die Fassaden mit Einschusslöchern übersäht. In den Schaufenstern steht die Mode der großen Ketten, es gibt Mc Donalds.

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Fabrikgebäude sind völlig ausgebombt, strategische Einrichtungen wie Wasser- oder Fernsehtürme ebenso.

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Man fährt durch verwunschene Moorlandschaft mit unzähligen riesigen Wasservögeln (und Schlangen 🙂 und alle paar Kilometer steht ein Schild. Anfangs habe ich es nicht richtig beachtet. Es war ein Totenkopf drauf. Nun ja, betreten verboten, habe ich mir gedacht. Steht ja bei uns auch an jeder Straßenecken …

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Bis ich an eine Straßensperre kam. Der Soldat erklärte mir, dass hier alles vermient sei, ob ich die Schilder nicht gesehen hätte…

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Direkt neben der Landstraße gibt es unmittelbar rechts und links einen tiefen Graben und dahinter liegen tatsächlich scharfe Mienen. An jeder Stelle, wo eine Miene entschärft wurde steckt ein kleines rotes Fähnchen in der Erde. Es waren unheimlich viele Fähnchen.

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Andererseits waren die Menschen unglaublich gut drauf. Die haben die ganze Nacht Live-Musik gemacht. Mitten in der Woche.
Ich hatte mitbekommen, dass da unten „irgendwo“ Bürgerkrieg gewesen war. Ich war mir aber überhaupt nicht bewusst, dass ich wirklich hier durch ehemaliges Kriegsgebiet fahre werde. Ich kam also einfach aus meiner „Friede-Freude-Eierkuchen-Welt“. Das war schon ein Schock. Kriegsfotografen berichten, dass die Kamera wie ein Schutzschild wirkt. Nicht gegen rumfliegende Geschosse aber gegen die Schrecken, die man sieht. Auch wenn in Kroatien Frieden herrscht und ich definitiv nichts wirklich Schreckliches gesehen habe, so kann ich im nachhinein auch feststellen, dass das Gesehene mit der Kamera in der Hand irgendwie nicht so nah an einen ran kommt. Klar man hat zum einen ein paar Linsen zwischen der Realität und dem Auge, viel mehr sehe ich im nachhinein betrachtet, dass die Zerstörung plötzlich „interessant“ wurde, dass ich auf der Suche war nach einem interessanten Blickwinkel, einer Geschichte, die das Bild erzählt … In der Biografie von einem Life-Fotografen habe das auch gelesen. Als der Fotograf dies bemerke, hat er sich von der Kriegs-/Krisenfotografie abgewandt. Auch ich war froh, das Gebiet hinter mich gelassen zu haben, als ich die Grenze zu Serbien überquerte.

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Würdest du eine solche Reise wieder machen?

Definitiv ja! Man lernt so unglaublich viele und vielfältige Menschen kennen. Man kriegt mit, wie die Menschen wirklich leben, sieht Landschaften sich verändern. Kriegt ein Gefühl für Entfernung, oder was für eine trennende Grenze ein Fluss ist. Man entdeckt so viele Fotomotive … Und zuletzt ist es auch noch eine günstige Art viel zu sehen, zu erleben und zu erkunden.
Als nächstes steht Laos auf der Wunschliste. Klar, per Rad! Und der Himalaja wartet auch noch. Die Welt wartet!

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Viel mehr Bilder gibt es hier.

4 Kommentare

  1. Oh , diese fantastischen Bilder , bin ja sowas von neidisch.

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  2. die bilder gefallen mir wirklich sehr! favoriten mit begründung: das wüstenbild wegen der posterqualität, ebenso das blaue äquivalent :), die gestapelten wohnungen wegen der symmetrie und wiederholung und das abschluß-lenkerbild wegen der schärfe, der dynamik und den gebräunten händen ;)!

    danke für das interview!

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