Was ist nur passiert?

Es war 1992 als wir uns flüchtig begegneten. Wir kannten uns vom Sehen. Sie war in meiner Parallelklasse. Vier Jahre später wechselten wir auf das gleiche Gymnasium. Diesmal waren wir in einer Klasse. Ich weiß nicht genau wann es anfing, aber irgendwann saßen wir immer nebeneinander. Eigentlich waren wir grundverschieden. Sie die ernste, eifrige und sehr gute Schülerin. Ich, das Kräutchen-Rühr-mich-nicht-an, die Schüchterne, Unscheinbare. Zwar hatte ich noch andere Freundinnen, aber keine richtige, keine wie sie. Eigentlich hatte ich nur sie.
Mit ihr zusammen backte ich meine ersten Crêpes. Das war eine Französisch-Hausaufgabe, als wir im Unterricht das Rezept durchsprachen. Zu Weihnachten und Ostern schenkten wir uns Kleinigkeiten. Im Urlaub schrieben wir uns Postkarten.

Selbst, als ich mit 14 krank wurde, hatten wir noch Kontakt. Ich ging immer seltener zur Schule. Aber sie fragte nach mir. Sie war die einzige Mitschülerin, die sich nach mir erkundigte, sich Sorgen machte. Als der Anruf meiner Klassenlehrerin kam, dass ich die 9. Klasse wiederholen müsste, weinte ich. Weil ich nicht mehr im Unterricht neben ihr sitzen konnte.
Der Schulwechsel machte es nicht einfacher. Wie sollte ich es in der Schule komplett ohne sie aushalten?
Ich meldete mich immer seltener bei ihr. Mir ging es nicht gut. Ich sagte treffen ab, weil ich nicht raus wollte. Ich verkroch mich. Dann irgendwann rief sie an. Sie wollte erstmal den Kontakt abbrechen. Den genauen Grund weiß ich nicht mehr. Ich hatte sonst keinen. Außer die paar Mitschülerinnen, mit denen ich mich halbwegs verstand und die sich mit mir trafen. Aber die kannte ich alle nicht so lange und gut wie sie.
Als sie für drei Monate ins Ausland ging, war ich unglücklich. Ich vermisste sie. Ich fühlte mich alleine.
Der Kontakt wurde immer seltener. Wann genau, weiß ich nicht mehr. Wir sind zwei verschiedene Menschen. Sie war immer schon erwachsener als ich. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich mich so selten gemeldet habe.
Am Wochenende warf sie eine DVD ein, die ich ihr irgendwann mal ausgeliehen habe. Dabei lag eine Karte und une Packung Merci. Das schlechte Gewissen packt mich. Wieso kann ich mich nicht dazu durchringen, ihr zu schreiben?

Freundschaften können einen nur verletzen. Ich habe Angst, Menschen, mit denen ich schon einiges unternommen habe, anzusprechen. Ich habe Angst, zu nerven, enttäuscht zu werden, dass man mich nicht mag. Ich habe so eine Art, die ich nicht beschreiben kann. Ich bin nicht die Alberne, die ich manchmal raushängen lasse. Ich will nur, dass man mich auch mal beachtet. Hallo, ich bin auch noch da. Ich mag euch und möchte was mit euch machen.
Eigentlich bin ich ein ruhiger Mensch. Ich hasse es, unter fremde Menschen zu gehen. Dann fühle ich mich so klein und unbeholfen. Ich fühle mich selber in mir nicht wohl.
Ich will über meinen eigenen Schatten springen, zeigen, wer ich bin, dass ich da bin, dass ich auch anders kann.

1 Kommentare

  1. Das, was Du schreibst, macht mich traurig. Am liebsten würde ich Dich jetzt mal knuddeln, ehrlich.

    Ich weiß selbst, dass es nicht nur das hippe Fullspeed-Leben gibt, ohne Sorgen, mit tausend tollen Freunden, wie es einem gerne von allen Seiten einsuggeriert wird.

    Ich weiß aber nicht, was ich jetzt noch zu Deinem Artikel schreiben soll – „Kopf hoch“ oder „mach Dir nicht so viele Gedanken, wird schon wieder“ ist einfach nur platt und blöd. Ich denke einfach, dass Dir noch viele Menschen begegnen werden, die Dir das nötige Selbstvertrauen geben, damit Du auch für Dich weißt, dass Du „da bist“. Also, ich weiß es jedenfalls 🙂

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