Rezension: Drüberleben von Kathrin Weßling

Depressionen. Eigentlich immer noch ein Tabuthema. Zusätzlich gibt es zahlreiche Ratgeber, Selbsthilfebücher und -gruppen, Psychotherapeuten. Spätestens, wenn man merkt, wieviele Therapeuten es in einer Stadt gibt, wird einem klar: es gibt da noch mehr, die eventuell so wie du denken und fühlen. Depressionen und auch andere psychische Erkrankungen sind gar nicht so selten, wie man glaubt. Auch sollten sie keinesfalls ein Tabuthema bleiben. Aber ich glaube, man geht da schon offener mit um, als vor wenigen Jahrzehnten.
Bevor ich „Drüberleben“ bekommen habe, war ich skeptisch. Mal wieder so ein Buch über Depressionen mehr auf dem Buchmarkt… *gähn*
Das Cover und auch der Untertitel lassen aber erahnen, dass es sich hierbei nicht um ein herkömmliches Buch über Depressionen und die Erlebnisse einer betroffenen Person handelt. Nichts erscheint so düster, wie man es annehmen könnte. Auch sprachlich ist es Kathrin Weßling gelungen, die Geschichte so zu gestalten, dass man sich nicht heruntergezogen fühlt. Natürlich kamen mir beim Lesen ein paar Erinnerungsstücke in den Sinn. Ich sah vor meinem inneren Auge nochmal die Klinik, in der ich war. Das Zimmer, in dem ich schlief. Den Gemeinschaftsraum. Dinge, die ich eigentlich schon längst vergessen hatte. Diese Erinnerungen stimmten mich nicht traurig. Sie kamen einfach und blieben einen kurzen Moment, bis sie wieder verschwanden.
Wie gut die Autorin Gefühle beschreiben kann. Sie schafft richtige Bilder. Auch bei der Beschreibung der Klinik bzw. Therapeuten.

Da draußen war schon seit geraumer Zeit für mich ein Garten aus Dornen und Gestrüpp geworden, in dem ich mich immerzu verlief, in dem ich mir Verletzungen zuzog, versuchte ich, diesen Garten aufzuräumen, zu entwirren oder auch nur kennenzulernen.

Seite 43

Ich erinnere mich an diesen Käfig aus Angst und Lähmung, dessen Boden übersät war mit Erinnerungen an die Zeiten, in denen ich nich nicht darüber nachdenken musste, ob ich es heute wohl endlich schaffen würde aufzustehen, mich zu duschen und anzuziehen.

Seite 74

Der Wahnsinn trägt hier hübsche Kleider und riecht gut.

Seite 92

Viel mehr hatte ich den Eindruck, eine große Störung, ein unvorhergesehener Zwischenfall zu sein. Eine Störung im System, irgendwie falsch programmiert, irgendwie so aussehend wie die anderen, aber in der Software totale beschädigt.

Seite 94

Im Buch geht es um Ida Schaumann. Sie hat schon mehrere Kliniken von innen gesehen und nichts half. Sie lebt in den Tag hinein, nachts schleppt sie sich ins Bars. Ihre Vergangenheit liegt in einem kleinen Städtchen, von wo aus sie vier Jahre zuvor sozusagen geflohen ist. Sie ist geflohen vor dem, was passiert ist. Was genau damals vorgefallen ist, scheint Ida in sich hineingefressen zu haben. Es ist ein Buch darüber, wie eine junge Studentin gegen Depressionen und Angst kämpft. Durch die sprachlichen Mittel wirkt „Drüberleben“ lebendig. Man kann sich vorstellen, wie Ida fühlt, wie sie denkt. Außerdem schwingt auch ein Hauch von Ironie mit.

Bisher habe ich zu dem Thema so gut wie kein Buch gelsen. Nur mal eins über ein magersüchtiges Mädchen. Allerdings ist das schon einige Jahre her, deshalb weiß ich weder den Titel noch, wie das Buch war. Kakthrin Weßling hat es auf alle Fälle geschafft, ein Buch zu einem solchen Thema zu schreiben, dass weder schwer auf der Seele liegt noch zu überzogen ist. Besonders bei dem Thema Angst und wie sie die Gefühle beschrieben hat, dachte ich „ja, dieses Gefühl, das kenne ich auch!“
Auf zdf.kultur gab es einen Beitrag in der Sendung Bauerfeind mit einem Interview. Sehenswert! Auf Facebook ist die Autorin ebenso vertreten wie auf Twitter.

(kann man das jetzt als Rezension durchgehen lassen? Ich tu mich immer so schwer damit. ;))

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