Der Ruf der Freiheit

Es sollte ein kleiner Fortschritt in der Therapie werden: Das erste Mal extern zur Schule gehen. Zu der Schule, an der ich meinen Realschulabschluss nachholen wollte. Nach fünf Wochen in der Klinik wurde es aber auch Zeit.
Wie jeden Morgen saß ich am 3. November 2003 mit meinen Mitpatienten am Frühstückstisch. Bald musste ich los, um meinen Bus zu erwischen. Wieder durfte ich mir von den anderen dumme Sprüche anhören. Innerlich begann ich vor Wut zu kochen. Da kam mir eine Idee. Beflügelt davon machte ich mich auf den Weg. Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob ich mein Handy mitnehmen durfte oder nicht. An was ich mich aber erinnere ist meine Idee.

Mit dem Bus fuhr ich erst zum Bahnhof. Von dort aus ging es weiter mit dem Zug, der mich nach einer kurzen Fahrt zur Schule bringen sollte. Eine Station lag zwischen Start und Ziel: Zuhause. Ich sah keinen anderen Ausweg. Also stieg ich eine Station früher aus und ging schnurstracks nach Hause. Ich hielt es in der Klinik nicht mehr aus. Es brachte mir nichts, ich wollte keine Therapie. Mir war natürlich bewusst, dass ich eine brauchte. Aber dort, wo ich war, ging es mir nur schlechter.

Wie oft hatte ich darum gebettelt, dass meine Eltern mich da rausholen sollten. Ich war noch nicht 18 und konnte mich deshalb nicht selber entlassen. Meine Eltern hielten es für das Richtige, in der Klinik zu bleiben. Es wäre nur das beste für mich.

Da stand ich nun plötzlich weinend vor der Haustüre. Ich erzählte meiner Mutter, was passiert war. Sie rief in der Klinik an und fuhr mit mir hin. Niemand konnte mich zwingen, dort zu bleiben, wenn meine Eltern dagegen waren. Die Entlassung war eine Erleichterung für mich. Zwar hätte ich noch eine Woche warten können, denn dann wurde ich 18. Aber ich wollte keine Sekunde länger dort bleiben.

„Du wirst nicht wieder zur Schule gehen!“, waren die Worte des Oberarztes (oder was auch immer er für ein Arzt war). Zugegeben, er hatte Recht. Zumindest für den Rest des Schuljahres. Doch ein paar Monate später ging es mir mit Hilfe einer sehr netten und fähigen Therapeutin immer besser. Die Zeit in der Klinik war für mich verschwendete Zeit gewesen. Ich kann nicht behaupten, dass sie mir geholfen hat. Diese Erfahrung hat mir nur gezeigt, dass selbst Menschen, die alle irgendwie durch eine Krankheit miteinander verbunden sind, nicht viel anders sind, als die, die wir im täglichen Leben treffen: In der Schule, auf der Arbeit, auf der Straße. Mobbing macht auch in der Psychiatrie nicht Halt.

Manchmal sehe ich den Arzt übrigens noch. Er scheint in der Nähe meines Freundes zu wohnen, der zugleich auch nicht weit von der Klinik weg wohnt. Vor 10 Jahren allerdings wusste ich nicht, dass ganz in der Nähe derjenige wohnt, der mittlerweile seit über 3 Jahren für mich da ist und mich quasi aus einem Loch gerettet hat.

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