Kapitel 1

Der Tag fängt ja schon gut an, geht es Cynthia durch den Kopf, als sie hinter dem letzten Auto des Staus auf einer der am meisten befahrensten Straßen der Stadt zum Stehen kommt. Ein paar Meter weiter vor ihr hat sich ein Unfall ereignet. Man merkt, dass es Montag ist. Und nicht nur das: ausgerechnet heute hat Cynthia gefühlt hundert Meetings. Ein hektischer Blick auf die Uhr verrät ihr, dass sie es nur ganz knapp zum ersten schaffen wird. Ausgerechnet zum wichtigsten Meeting des Tages wird sie zu spät kommen.
Hinter ihr hupen die Autos bereits. Nichts geht mehr. Zu allem Übel fängt es nun auch noch an zu regnen. Das musste ja so kommen. Cynthia schielt auf ihre weiße Sommerhose.
“Na, die ist nachher nicht mehr weiß,” murmelt Cynthia. Der Weg vom Parkplatz zum Büro wird matschig sein, wenn es weiter so regnet. Sie wirft einen Blick in den Rückspiegel und beschließt, umzukehren und einen anderen Weg zu fahren. “Sonst steh ich heute Abend noch hier!”, denkt sie verärgert.

Eine halbe Stunde später steht sie mit einer von Matsch befleckten Hose in ihrem Büro. Ihr Kunde, mit dem sie das wichtige Meeting hat, steht noch in dem Stau, aus dem Cynthia eben erst geflüchtet ist. Dafür hat sie sich jetzt so beeilt und wäre in dem Matsch auf dem Parkplatz beinahe ausgerutscht. Das kommt davon, wenn man High Heels trägt und es eilig hat.
Erst mal braucht Cynthia einen Kaffee. Zielstrebig geht sie zur Maschine in der kleinen Küche und hantiert mit Tasse und Kaffee. Sie will gerade die heiße Tasse Kaffee nehmen, als es an der Türe summt. Ihr Kunde ist da – und just in diesem Moment kippt Cynthia sich den Kaffee auf die Hose.
Ein perfekter Montag!

Der Nachmittag rückt näher und Cynthia muss schnell zur Stadtverwaltung, denn dort findet ein weiteres Meeting statt. Wenigstens kann sie danach endlich nach Hause und die Füße hochlegen. Zum Glück hat ihre beste Freundin ihr in der Mittagspause noch schnell eine saubere Hose vorbeigebracht und die schmutzige mitgenommen. Wie gut es doch ist, eine beste Freundin zu haben, die eine eigene Modeboutique besitzt. Der erste Kunde heute morgen, ein wichtiger Mensch, ein stadtbekannter Politiker, hat Cynthia nämlich schon komisch beäugt, als diese mit großen Kaffeeflecken und Matschspritzern auf der Hose aus der Küche kam. Sie muss in diesem Augenblick sehr professionell ausgesehen haben.

Jetzt noch dieses eine Meeting: Couch, ich komme, denkt Cynthia, während sie mit dem Aufzug in den 10. Stock zu ihrem nächsten Termin fährt. Doch noch während sie ihre Tasche auf den Tisch im Besprechungsraum stellt, um ihren Laptop auszupacken, bimmelt ihr Handy laut. Alle Anwesenden starren die junge Frau an. Hängt an der Türe nicht ein Schild mit der Aufschrift “Handys bitte lautlos stellen”? Ein kurzer Blick auf das Display verrät, dass Lucy, Cynthia Mutter, gerade anruft.
Merkwürdig, sonst ruft sie mich nie um diese Zeit an, denkt Cynthia und sieht die Herren und Damen in der Runde entschuldigend an. Eilig rennt sie mit dem Smartphone in der Hand auf den Flur, ehe sie den Anruf entgegennimmt.

“Mama, ich bin gerade in einem wich…”, begrüßt Cynthia ihre Mutter und fährt sich hektisch durch die blonden Haare. Eine Angewohnheit von ihr, die sie immer in stressigen Situationen macht.
“Oma Cecily ist gestorben,” entfährt es ihrer Mutter am anderen Ende der Leitung. Es wird still. Cynthia bleibt vor einem hohen Glasfenster stehen und schaut auf die Stadt hinunter, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Cecily? Tot?
“Aber… wie kann das sein? Wir haben doch am Mittwoch noch telefoniert… und… und da ging es ihr doch gut,” stottert Cynthia und versucht, die Tränen, die aus ihren Augen kullern zu drohen, aufzuhalten. Sie kann jetzt hier nicht heulen. Mit einem Ruck stellt sie sich gerade hin und versucht, so groß wie möglich zu wirken.
“Sie war alt, Cynthia,” versucht Lucy ihre Tochter zu trösten. Sie selber kann ihre Haltung viel besser wahren, als Cynthia. Jahrelange Übung. “Die Beerdigung ist am Mittwoch. Schaffst du es, zu kommen?”
Im Kopf geht Cynthia ihren Terminkalender durch. Zum Glück kann sie sich ihre Termine immer gut merken.
“Ich bin mir noch nicht sicher, Mama. Ich möchte gerne, immerhin ist es Oma Cecily… aber ich hab so viel zu tun… Oh Gott, Oma…,” schluchzt Cynthia plötzlich. Eine Sekretärin im grauen Bleistiftrock geht an ihr vorbei in den Raum, aus dem Cynthia eben gestürzt ist. Die andere junge Frau betrachtet Cynthia misstrauisch. Schnell dreht Cynthia sich wieder um.
“Kann ich dich zurückrufen? Ich muss wieder zurück.”
“Aber sicher. Bis dann.”

Vom Rest des Meetings bekommt die selbstständige und sonst so ehrgeizige Cynthia nicht mehr viel mit. Ihre Gedanken sind bei ihrer Oma. Als Kind hat sie jede Ferien bei ihr auf dem Dorf verbracht. Sie hatte ein großes Haus und einen Riesen Garten mit alten Obstbäumen. Gemeinsam haben Cecily und Cynthia Kuchen gebacken, Blumenketten gebastelt und Wanderungen um das Dorf unternommen. Manchmal kamen auch andere Kinder aus dem Dorf zu Besuch. Dann saßen sie alle im Garten unter den Bäumen, tranken selbstgemachte Limo und aßen Erdbeerkuchen.
Als Cynthia älter wurde, wurden die Besuche immer seltener. Viel lieber wollte der Teenager was mit ihren Freundinnen machen: Urlaub am Meer, Pyjama-Partys, Video-Abende. Irgendwann begann sie sich auch für Jungs zu interessieren und schnell waren die Kindertage auf dem Land bei Oma Cecily vergessen.

Doch nun trauert Cynthia diesen glücklichen Tagen hinterher. Sie sitzt auf ihrem Sofa und hält ein Foto in der Hand. Darauf sind sie und ihre Oma zu sehen, wie sie gerade Äpfel pflücken. Die kleine Cynthia mit blonden Zöpfen und einem Blümchenkleid, das Cecily ihr genäht hat. Strahlend schaut Cynthia Richtung Kamera, während Cecily mit einem Korb auf der Leiter steht. Cynthia wischt sich eine Träne weg. Wie konnte sie diese schöne Zeit mit Cecily nur vergessen?

Zwei Tage später steht sie gemeinsam mit ihrer Mutter in einem schwarzen Kostüm im strömenden Regen auf einem Friedhof zwischen fremden Menschen, die ihre Oma gut kannten. Cynthia Mutter vergießt keine Träne, hat den Blick unter ihrem schwarzen Schleier jedoch gesenkt. Still lässt sie eine rote Rose vor sich in das Grab fallen und Cynthia folgt ihr. Als alle Rosen auf dem Sarg liegen, werfen die Bestatter mit ernsten Mienen Erde darauf.
Seufzend wendet Cynthia sich ihrer Mutter zu und legt einen Arm um sie. Ungeduldig schüttelt Lucy ihn ab.
“Nicht vor all den Leuten, Cynthia. Bitte, etwas Haltung solltest auch du wahren können!”
Cynthia starrt ihre Mutter an. “Aber Cecily war deine Mutter, Mama!”
“Ja und? Sie hat in diesem Loch von Dorf gelebt und hätte mich am liebsten hier gehalten. Wäre ich nicht so schlau gewesen und hätte die erste Chance ergriffen, würde ich immer noch hier hocken. Sieh doch doch mal um: Hier kann man doch nicht wohnen wollen!” Lucy deutet mit einer Handbewegung auf die kleine Hauptstraße hinter ihnen. Zugegeben, hier ist wirklich nichts los. Die wenigen Geschäfte machen um 12 Mittagspause bis 15 Uhr und schließen schon um 18 Uhr wieder. Die einzige Kneipe steht neben der Kirche und ansonsten gibt es hier nichts. Nur Kühe, Pferde und Wiesen.
“Warum bist du denn mitgefahren, wenn du hier eh keine Verbindung mehr hast?”, will Cynthia von ihrer Mutter wissen. Sie weiß, dass ihre Mutter und Cecily zwar regelmäßig telefoniert haben, doch Cecily hat nie verstanden, was ihr einziges Kind in der Großstadt will.
“Na, wie sähe das denn aus, wenn ich als einzige Verwandte nicht hier aufgetaucht wäre?” Lucy geht es schon immer darum, was andere von ihr denken und wie etwas aussehen könnte. “Komm, lass uns nach Hause fahren.”

Als Cynthia am nächsten Nachmittag ihren Briefkasten leert, liegt dort ein Brief von einem Notar drin. Neugierig reißt sie den Umschlag im Aufzug hoch zu ihrer Wohnung auf und zieht den Brief heraus.
Schnell überfliegt sie das Schreiben und starrt es ungläubig an. Eilig kramt sie in ihrer Handtasche nach ihrem Handy und ruft ihre beste Freundin Fiona an.
“Fiona? Hast du heute Abend schon was vor? Ich muss dir was erzählen!” Sie kann nicht glauben, was der Notar geschrieben hat. Das muss ein Missverständnis sein. Oder?

Fiona wartet bei ihrem Lieblingsitaliener bereits auf Cynthia. Ihre beste Freundin seit dem Kindergarten ist ganz unruhig vor Neugierde und noch bevor sich Cynthia gesetzt hat, platzt es aus ihr heraus: “Und? Was ist es, was du mir unbedingt erzählen musst?”
“Ich habe dir ja gesagt, dass Oma Cecily gestorben ist,” beginnt Cynthia. Fiona nickt. “Ja, das tut mir schrecklich Leid. Ich erinnere mich noch etwas an sie. Einmal war ich mit dir bei ihr. Weisst du noch?”
“Klar erinnere ich mich noch daran. Du wolltest unbedingt eine Nachtwanderung machen.”
Ein Kellner kommt, bringt ihnen zwei Gläser Rotwein und nimmt ihre Bestellung auf. Als er wieder verschwunden ist, beugt Cynthia sich vor und sieht ihrer Freundin in die Augen. “Ich habe Cecilys Haus geerbt!”
“Was?”, entfährt es Fiona, die sich schnell die Hand vor den Mund hält. Cynthia nickt aufgeregt.
“Das ist ja großartig! Ein ganzes Haus für dich – stell dir das mal vor! Begehbarer Kleiderschrank, Büro im Haus… Und dann diese Obstwiese!”, schwärmt Fiona und schließt verträumt die Augen. Cynthia holt sie mit einem Fingerschnippen wieder in die Realität zurück. “Aber was soll ich denn da? Ich habe hier mein Büro, meine Wohnung, meinen Freundeskreis… dich. Warum soll ich auf das Land ziehen? Da erreicht mich doch kein Kunde!”
Fiona nimmt ihre Hände und schaut ihre beste Freundin ruhig an. “Du bist ein richtiger Workaholic. Du brauchst mal Pause. Immer denkst du an die Arbeit. Was hältst du davon, wenn wir mal für ein paar Tage hinfahren und uns das Haus und die Gegend anschauen? Wer weiß, vielleicht ist das Landleben ja genau das Richtige für dich!”
Ein paar Tage wegfahren? Das kann Cynthia sich doch nicht leisten. Sie kann ihr Büro doch nicht einfach so für ein paar Tage verlassen. Sogar am Wochenende arbeitet sie dort.
Zweifelnd nimmt sie einen Schluck Wein und schüttelt den Kopf. “Das geht nicht. Ich kann hier nicht einfach weg…”
“Oh doch und ob du das kannst! Du wirst sehen, der kleine Trip wird dir richtig guttun!”
Am Ende lässt sich Cynthia doch überreden und überlässt ihrer besten Freundin die Planung. Vielleicht hat sie recht und die Entspannung ist genau richtig.

5 Kommentare

  1. Sehr interessant. Gefällt mir gut, bin gespannt, wies weiter geht.
    Das einzige, was mir auffällt, ist die sehr häufige Verwendung des Vornamens, das ist jedoch keine Kritik, einfach nur eine sehr lose Anmerkung 🙂
    Freue mich auf die Fortsetzung. Mach schnell 😉

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  2. Café Noir

    Mir gefällts auch, Witz und Ernst wechseln sich ab und es gibt Kaffee, schön 🙂 Ich bin auch gespannt wie es weiter geht!

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  3. @Cat: Vielen Dank! 🙂 Auch für doe Anmerkung. Das „Problem“ hatte ich schon früher immer beim Schreiben. Ich werde darauf achten. 🙂
    Eigentlich wollte ich heute das zweite Kapitel fertig schreiben, aber diese Temperaturen… Bei fast 40 Grad kann man einfach nichts machen.

    @Café Noir: Kaffee und Wein. 😉 Danke!

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  4. Ich melde mich mal als bisheriger Schwarzleser… ein paar generelle Anmerkungen, zum Inhalt vielleicht ja mal in einem der späteren Kapitel, wenn sich meine Vermutung vollends bewahrheitet 😉

    Wörtliche Rede: „Das Komma setzt man nach dem Anführungszeichen“, sagte sie.
    „Die drei Punkte stehen nach einem Leerzeichen, wenn ganze Wörter weggelassen werden, nicht direkt an dem letzten …“
    … weiterhin sind die drei Punkte das Auslassungszeichen (ALT + 0133 auf Windows), kein …

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  5. @K.: oh, danke für die Tipps! Das mit dem Komma hinter/vor den Anführungszeichen verwechsel ich jedes Mal. Früher habe ich das immer ganz weggelassen. 😉 Aber ich versuche jetzt immer darauf zu achten, vergesse aber trotzdem, wie das noch mal war.

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