Kapitel 2

“Ist das alles oder kommt da noch mehr?”, will Fiona wissen, als Cynthia mit zwei Koffern auf der Straße erscheint. Fiona hat vor dem Haus, in dem ihre beste Freundin eine Eigentumswohnung hat, in zweiter Reihe geparkt. Ein paar wütende Autofahrer zischen hupend an dem roten Cabrio vorbei.
“Ich muss nur noch schnell meine Handtasche holen,” entgegnet Cynthia und stellt die beiden Koffer auf dem Gehweg ab. Ob das so eine gute Idee war, ein paar Tage Urlaub zu nehmen? Die selbstständige Social Media-Beraterin zweifelt immer noch ein wenig an Fionas Idee. Immerhin hat sie eigentlich gar keine Zeit, sich eine Auszeit zu genehmigen, denn ihre Arbeit wird nicht weniger, wenn sie einfach nur die Augen schließt. Im Gegenteil: manchmal hat Cynthia kaum Luft zum Atmen vor Meetings, Telefonaten und anderem Kram. Dabei will sie sich ja nicht beklagen, denn sie hat sich nun mal den Beruf ausgesucht. Damit sie wenigstens etwas schafft, hat sie ihren Laptop in einen Koffer gepackt, zusammen mit ein paar Unterlagen.
Eilig rennt Cynthia zurück in ihre Wohnung, um sich die Handtasche zu schnappen. Mitten in der Türe bleibt sie noch kurz stehen. Habe ich an alles gedacht? Im Geiste geht sie ihre Liste durch und hakt alles ab. Es kann los gehen!

Nachdem Fiona vor ein paar Tagen diese blendende Idee mit dem Kurzurlaub hatte, ist Cynthia sofort in ihr Büro gedüst, um Termine umzulegen oder abzusagen. Das war nicht einfach, denn sie läuft so immerhin Gefahr, einige wichtige Kunden zu verlieren. Es geht dabei schließlich um ihre Existenz.
“Aber das geht doch nicht, wir brauchen Sie doch! Immerhin releasen wir nächste Woche!” Eine leichte Panik schwang in der Stimme eines Kunden mit, dessen Unternehmen in einer anderen Stadt sitzt und Cynthia für ein größeres Projekt braucht.
“Es tut mir wirklich sehr Leid, Herr Smith. Aber ich muss einige familiäre Angelegenheiten klären.” Cynthia biss sich auf die Unterlippe. Sie hasst es zu lügen. Aber das ist ja nicht ganz gelogen, versuchte sie sich zu beruhigen und ging zwischen Schreibtisch und Türe auf und ab. Es fiel ihr wirklich nicht leicht, die Kunden zu benachrichtigen. Die Enttäuschung und Verärgerung war aus ihnen deutlich herauszuhören gewesen.

Und nun, vier Tage später, sitzt sie im Cabrio ihrer besten Freundin und lässt sich den Fahrtwind um die Nase wehen. Sie kann sich sogar etwas entspannen, während Fiona Richtung Dorf fährt. Die Sonne kitzelt ihre Nase und der Wind fühlt sich angenehm auf der Haut an. Jetzt erst spürt Cynthia, dass sie schon lange nicht mehr einfach nur draußen gesessen und nicht an die Arbeit gedacht hat. Egal ob Wochenende, Werktag oder Feiertag – Cynthias Gedanken kreisen nur um ihren Job. Täglich sitzt sie mehrere Stunden am Computer, in stickigen Meetings oder rennt mit dem Telefon am Ohr herum. Die Idee mit der Selbstständigkeit hatte zu Beginn so verlockend geklungen: Selber die Arbeitszeiten einteilen können, sein eigener Chef sein.
Seufzend dreht Cynthia den Kopf. Die Landschaft rast an ihnen vorbei. Felder, Bäume, Wiesen. Seit ihrer Kindheit hat sie der Schönheit der Natur kaum noch Beachtung geschenkt. Plötzlich spürt sie, dass sie die Tage bei ihrer Oma vermisst und sie bereut, in den letzten Jahren kaum noch bei ihr gewesen zu sein.

Fiona setzt den Blinker und fährt fährt von der Autobahn ab. Nur noch ein paar Kilometer und sie sind da. Was wird sie erwarten? Bei der Beerdigung hatten Cynthia und Lucy nicht die Gelegenheit, ins Haus zu gehen. Deshalb weiß Cynthia nicht, wie es dort jetzt aussieht. Ob im Kinderzimmer noch die Bilder hängen, die Cynthia für ihre Oma gemalt hat? Gibt es die Schaukel in dem einen großen alten Baum noch? Und was ist aus all den Büchern geworden, die im Lesezimmer in dem großen Regal standen?
“Hey, Cynthia. Wo bist du denn mit deinen Gedanken? Wir sind fast da”, unterbricht Fionas Stimme die Gedankengänge. Erschrocken schlägt Cynthia die Augen auf. Sie muss kurz eingenickt sein. Gerade haben sie das Ortsschild passiert und vor ihnen erstreckt sich eine enge Straße mit kleinen, dicht aneinander gereihten Häuschen aus Trockenmauerwerk. An manchen rankt Efeu hoch. Es ist, als wäre die Zeit in diesem Ort stehen geblieben: weit und breit ist kein modernes Gebäude zu sehen. Es gibt kaum Geschäfte und die wenigen, die es gibt, sind alteingesessene Läden, die aussehen, als entstammten sie einer anderen Zeit. Niemand ist auf der Straße zu sehen. Vielleicht liegt das ja an den aufziehenden dicken grauen Wolken. Es sieht nach einem Unwetter aus.

Schließlich erreichen die beiden jungen Frauen aus der Stadt das Haus von Cecily. Ein kleiner Gehweg, umrandet von bunten Blumen und einem kleinen Garten, führt von der Straße zum Haus. Links und rechts stehen zwei Kamine auf dem Dach des alten Steinhauses. Der Eingangsbereich hat ein eigenes Dach. Die hohen Fenster, bestehend aus mehreren unterteilten Gläsern, sind staubig. Das Efeu wuchert an einer Seite des Hauses. Hinter dem Haus brauen sich Gewitterwolken zusammen.
“Das sieht aber jetzt unheimlich aus,” bemerkt Fiona und steigt aus. Die Schmale Straße bietet kaum Platz zum Parken, daher musste sie auf den Bürgersteig ausweichen. Cynthia sitzt noch im Auto und starrt auf das Haus. Es sieht alles noch so aus wie früher. Sie kann ihr kindliches Ich aus der Tür huschen sehen, um heimlich zu den Nachbarn rüberzulaufen. Die hatten nämlich gerade junge Kätzchen und Cynthia hätte so gerne eins davon.
Bei der Erinnerung muss Cynthia lächeln. Die Nachbarn hatten Kinder in ihrem Alter und so hatte Cynthia oft Spielgefährten. Wie waren noch mal ihre Namen? Ob sie noch hier lebten? Als Cynthia gestern ihre Mutter anrief, um ihr von dem spontanen Kurztrip zu erzählen, hat sie erwähnt, dass eine Frau namens Margarete sich in den letzten Jahren um Cecily gekümmert hat. Margarete sei die Mutter der Kinder, mit denen Cynthia als Kind gespielt hat. Die Namen der Kinder wusste Lucy allerdings auch nicht mehr.
Naja, ich werde es sicher herausfinden, denkt Cynthia und steigt langsam und mit Blick auf das Haus aus. Ein Regentropfen landet auf Cynthia nacktem Arm und lässt sie aufblicken. Der ganze Himmel ist bedeckt mit dunklen, schweren Wolken. Eilig holen die beiden jungen Frauen ihr Gepäck aus dem kleinen Kofferraum.
“Wie haben wir denn bloß eben die ganzen Sachen da reinbekommen?” Fiona zieht an ihrem Rucksack, der sich in dem Griff von einem der beiden Koffer von Cynthia verkeilt hat. Mit einem leisen Fluchen hat sie ihre Tasche schließlich befreit. Gemeinsam tragen sie ihre Sachen zur Haustür. “Moment, ich such noch den Schlüssel…” Während Fiona ungeduldig mit den Fingern gegen die Holztüre trommelt, durchwühlt Cynthia ihre Taschen. Der Regen wird immer stärker und es ist abgekühlt. Die kühle Luft tut den beiden Frauen gut. In der Stadt war es tagelang heiß und trocken. Der Regen kommt daher wie gerufen.
“Hab ihn!”, ruft Cynthia triumphierend und schließt die Tür auf. Der Flur ist klein und es gehen drei Türen von ihm ab sowie eine Treppe nach oben. Es ist kühl und still. Nur das Ticken einer Uhr ist zu hören. Ein Perser-Teppich bedeckt den Holzboden. Neben der Türe steht eine große alte Milchkanne, umfunktioniert zu einem Schirmständer. Cecilys alter Schirm steht sogar noch darin. Auf der Fensterbank steht eine Porzellanvase mit ein paar getrockneten Blumen. Cynthia öffnet die erste Tür, die mit einem leisen Quietschen aufschwingt. Die Küche wird sichtbar. Nichts hat sich verändert. Der Gasherd steht noch an der gleichen Stelle. Auch den alten Holztisch gibt es noch. Auf der dunklen Platte sind Kerben und Kratzer sichtbar. Die Schränke haben zum Teil kleine Fenster. Dahinter verbirgt sich das Geschirr, was Cecily zur Hochzeit von ihren Eltern geschenkt bekommen hat. Auf einer Anrichte steht ein gerahmtes Foto. Es zeigt ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen und einem blauen Kleidchen. In den Händen hält es einen Strauß Wildblumen. Vorsichtig berührt Cynthia den Holzrahmen und fährt mit den Fingern darüber. “Das bin ich”, haucht sie.
Fiona hat in der Zwischenzeit das kleine Fenster geöffnet. Luft muss in das Haus. Die beiden verlassen die Küche und betreten durch die zweite Tür vom Flur aus das große, helle Wohnzimmer. Die Wände sind aus kaltem Stein. Ein großer Kamin mit einem Holzscheit ist das Herzstück des Raumes. Daneben steht ein Regal voll mit Büchern. Vor dem Regal ist der Lieblingsplatz von Cecily: ihr alter Ohrensessel mit einer Stehleuchte daneben.
Auf dem Tisch liegt noch eine Tageszeitung sowie Cecilys Lesebrille. Fiona lässt sich in die weiche Couch fallen, während Cynthia die Terrassentüre aufreißt. Mittlerweile regnet es stärker und auch der Wind ist kräftiger geworden. Die Obstbäume liegen im Dunkeln. Fast gespenstisch sehen sie aus, wie sich die Silhouetten gegen den immer dunkler werdenden Himmel absetzen. Ein Blitz durchzuckt die Wolkendecke. Die Freundinnen schrecken auf. Auch das noch! Aber was kann schon passieren?

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