Kapitel 3

Durch die geöffnete Terrassentür weht ein frischer Wind und trägt Laub in das ordentliche Wohnzimmer. Cynthia beeilt sich, die Türe zu schließen, bevor es noch reinregnet. Draußen ist es mittlerweile dunkel. Von einem Laternenlicht oder einer anderen Lichtquelle, die auf Zivilisation deuten könnte, ist nichts zu sehen. Hinter dem Garten sind nur weitere Wiesen und Felder. Vorsichtig tastet sich Cynthia zur Stehlampe vor und drückt den Knopf. Nach wenigen Sekunden taucht sie den Raum in ein warmes Licht, während sich draußen die Bäume im Wind wiegen. Ein weiterer Blitz lässt den Himmel hell aufleuchten. Fiona lässt einen kurzen Schrei vernehmen. Wenn sie eins hasst, dann Gewitter. Sie kauert sich in die Couch und drückt sich ein dickes Kissen an den Körper. Hingegen zeigt Cynthia keine Anzeichen von Angst. Als Kind hat sie hier oft mit ihrer Oma gesessen und dem Tosen draußen zugeschaut. Cecily hat ihr beigebracht, wie man die Entfernung eines Gewitters herausfindet.
“Es zieht doch schon wieder weg”, versucht Cynthia ihre Freundin zu beruhigen. “Na hoffentlich! Hat deine Oma hier auch irgendwo was Alkoholisches versteckt?” Fiona lässt ihr Kissen los und wirkt etwas entspannter als noch wenige Augenblicke zuvor.
Cynthia lacht, erhebt sich aber von ihrem Sessel, auf den sie sich gesetzt hat. “Meine Oma hat nie Alkohol getrunken. Noch nicht einmal zu besonderen Anlässen. Aber wenn sich das Wetter etwas beruhigt hat, können wir mal schauen, ob der kleine Pub noch offen hat.” Sie schaut auf ihre Armbanduhr. Es ist erst 21 Uhr.
“Ich dachte, du wolltest noch etwas arbeiten”, sagt Fiona und zieht ihr Smartphone aus ihrer Hosentasche. Kein Empfang.
“Ja, schon, aber ich habe nachgedacht. Ich brauch mal eine Pause. Heute Abend zumindest werde ich meinen Laptop nicht auspacken.” Während Fiona noch auf ihrem Handy umtippt, in der Hoffnung, irgendwie Netz zu bekommen, geht Cynthia zurück in den Flur, um ihre Taschen nach oben zu bringen. Ihre Freundin folgt ihr mit einem frustrierten Gesichtsausdruck. “Was ist los?”, will Cynthia wissen. Die beiden schleppen sich die unebene Holztreppe rauf.
Oben angekommen erstreckt sich vor ihnen ein langer Flur, von dem mehrere Türen abgehen. An einer Wand steht eine Kommode mit einem stellenweise blinden Spiegel darüber. Ein gehäkeltes weißes Deckchen liegt auf der Kommode. Cynthia weiß, dass Cecily hier ihren Schmuck aufbewahrte.
Doch bevor sie nachschaut, öffnet sie die zweite Türe. Das Gästezimmer, was gleichzeitig ihr Kinderzimmer während sämtliche Aufenthalte war, ist stickig. Sie knipst das Licht an und lächelt. Ihre Oma hat nichts verändert. Unter dem Fenster steht ein großes Holzbett mit dicken Kissen. Sogar der alte Wecker, der immer zu laut getickt hat, steht noch an seinem Platz auf der kleinen Kommode neben dem Bett. Auf dem Stuhl neben dem Kleiderschrank sitzt ein gehäkelter Hase. Die Handarbeit war eine große Leidenschaft von Cecily. Alles, was genäht, gehäkelt oder gestrickt werden konnte, hat sie gemacht. Ob es nun Kleidung war oder Kissenbezüge. Bei schlechtem Wetter saß sie oft auf dem Ohrensessel im Wohnzimmer und hat die Nadeln spielen tanzen lassen. So sah es für Cynthia zumindest als Kind aus. Obwohl Cecily es oft versucht hat, ihr beizubringen, hat Cynthia es nie geschafft, auch nur das einfachste Teil zu nähen, stricken oder häkeln. Was Handarbeit angeht, hat sie zwei linke Hände.
Durch einen Windhauch wird sie aus den Träumerein gerissen. Erschrocken blickt sie auf und sieht, dass Fiona an ihr vorbei gegangen ist und das Fenster aufgerissen hat. Draußen weht noch ein leichter Wind, aber es regnet nicht mehr. Das Gewitter scheint weitergezogen zu sein.
“Dann wollen wir doch mal den Pub suchen, von dem du eben erzählt hast. Sag bloß, du warst als Kind da,” stichelt Fiona ihre beste Freundin. Lachend beugt sich Cynthia über eine ihrer Taschen und zieht eine Strickjacke hervor, die farblich perfekt zu ihrem Kleid passt, was sie gerade trägt. Dan schnappt sie sich ihre Handtasche und zieht Fiona mit runter.
“Manchmal hat meine Oma mich nachmittags mitgenommen, wenn sie sich dort mit ihren Strickfreundinnen getroffen hat,” erklärt sie, als sie das Haus verlassen und über den matschigen Weg Richtung Straße gehen. Den hell erleuchteten Pub kann sie von hier aus sehen. “Ah, sieh mal, der Pub hat noch offen.” Entschlossen zieht Cynthia ihre Freundin rüber. Einen Tag wird sie sich ja wohl mal Pause gönnen dürfen. Aber morgen werde ich direkt nach dem Frühstück die Präsentation für nächste Woche vorbereiten, verspricht sich Cynthia und reißt die Tür zum Pub auf.

Innen steht die Luft, doch das scheint den Gästen nichts auszumachen. Ein paar ältere Herren sitzen an der Bar und unterhalten sich lautstark. In einer Ecke sitzen weitere Gäste, zum Teil mit Tellern voller Essen vor sich oder Bier. Auf der anderen Seite sitzen ein drei Frauen. Eine davon erkennt Cynthia sofort. Es ist Margarete, die Nachbarin. Auf der Beerdigung haben sie kurz gesprochen. Margarete hat sie auch gesehen und winkt. Cynthia steuert mit Fiona im Schlepptau auf die Gruppe zu.
“Cynthia, wie schön, dich zu sehen,” begrüsst Margarete sie und steht auf, um sie zur Begrüßung zu umarmen.
“Hallo, wir sind gerade angekommen und dachten, wir schauen mal, ob hier noch was los ist.” Cynthia lächelt die ältere Frau an.
“Setzt euch. Wie war die Fahrt? Hast du Dean schon gesehen? Er sitzt dahinten mit ein paar Leuten von der Uni.” Mit dem Kopf deutet Margarete auf die Gruppe Männer auf der anderen Seite. Cynthia dreht sich in die Richtung und entdeckt Dean, der ihr genau gegenüber sitzt. Wow, der hat sich ja verändert, stellt sie fest.

Als Kinder haben die beiden sowie sein älterer Bruder Lucas und noch ein paar andere Kinder aus dem Dorf viel zusammen gespielt. Dean brachte der kleinen Cynthia bei, wie man am besten auf Bäume klettert und Steinschleudern bastelt. Die meisten Kinder dort waren nun mal Jungs. Irgendwann war Cynthia das Spielen mit den Jungen zu blöd und sie verbrachte mehr Zeit mit den Mädchen, da sie ja auch in der Schule nur mit ihren Freundinnen was unternahm.
Schließlich wurden ihre Besucher immer weniger. Lucy fand, dass Cynthia ein Stadtkind sei und nicht auf dem Land rumtollen sollte, wie ein Junge. Ob er sich noch an mich erinnert, fragt sich Cynthia. Ein Stupsen bringt sie wieder in die Realität zurück.
“Hörst du überhaupt zu?”, fragt Margarete, die dem Blick von Cynthia gefolgt ist und nun ihren Sohn herwinkt. Als Cynthia das merkt, läuft sie rot an.
Fiona, die das ganze beobachtet hat, grinst ihre Freundin an.
Dean kommt langsam rüber. Seine braunen Haare sind zerzaust, so, als würde er sie oft raufen. Neben den Augen sind Lachfältchen zu erkennen und sie blitzen verschmitzt auf. Er trägt, trotz der Temperaturen, eine schwarze Lederjacke und eine ebenfalls schwarze Jeans. Sein Dreitagebart passt zu dem Gesamtbild.
Verlegen senkt Cynthia den Blick. Sie hat nicht damit gerechnet, dass Dean so gut aussieht.
“Dean, schau mal, wer da ist. Na, erkennst du sie noch?” Margarete erhebt sich, damit ihr Sohn sich zwischen sie und Cynthia setzen kann. Doch dieser bleibt stehen und legt die rechte Hand in den Nacken. Er schaut Cynthia in die Augen, als würde er sich durchbohren wollen. Cynthia versucht, dem intensiven Blick standzuhalten. Sie räuspert sich und setzt sich aufrechter. Sie stützt ihren Kopf in die Handfläche und den Ellbogen auf die Tischplatte.
“Cynthia?”, entfährt es Dean. Er klingt ungläubig, doch dann setzt er sich zu ihr und drückt sie einen Moment an sich. Er riecht gut. Nach Aftershave und Regen.

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