Kapitel 4

Dean hält sie an den Schultern und betrachtet sie. Seine Augen wandern von ihren blonden, lose zusammengebundenen Haaren zu ihren blauen Augen und ihren Körper entlang bis sie wieder ihre Augen fixieren. Er strahlt bis über beide Ohren sein unverwechselbares Lächeln. In den Wangen bilden sich Grübchen und seine Augen funkeln. Verlegen lächelt Cynthia und dreht sich weg.
“Gut siehst du aus! Mensch, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?” Dean legt, wie selbstverständlich, einen Arm um sie. Fiona beobachtet die beiden lächelnd. Noch nie hat sie ihre beste Freundin so verlegen gesehen. Aber sie kann Cynthia verstehen, denn Dean sieht wirklich nicht schlecht aus.
Auch Margarete entgeht nicht, was zwischen ihrem Sohn und Cynthia passiert. Glücklich seufzt sie.
“Einige Jahre sind es schon,” antwortet Cynthia und heftet ihren Blick auf das Glas Wasser vor sich. Sie spürt Deans Arm deutlich und nimmt nur noch diese Berührung und seinen Geruch wahr. Sie kann sich noch an den Tag erinnern, als sie Dean zuletzt gesehen hat.
Es war der Sommer, in dem Cynthia beschlossen hat, dass sie nun zu alt für die Ferien bei ihrer Oma ist und sie von nun an mit ihren Eltern nach Spanien oder Kalifornien fliegen will. Sie war 14, Dean 15. Langsam begann Cynthia, sich für Jungs zu interessieren und sie fand Dean süß. Doch er wohnte auf dem Land, sie in einer weiter entfernten Stadt. Sie war ein Stadtkind, trotz der vielen Ferien hier auf dem Dorf. Und außerdem war er sowieso nicht an ihr interessiert.
„Ich hab gehört, du hast das Haus geerbt. Wohnst du jetzt auch hier?“ Ganz lästig lehnt er sich vor, um sein Bierglas an die Lippen zu heben. Als 15jähriger hatte er aber nicht solche wunderschönen Lippen gehabt, oder?
Was sind das denn plötzlich für Gedanken?
Dean grinst sie an. Er scheint ihren Blick gemerkt zu haben.
„Ähm, ehrlich gesagt weiss ich noch gar nicht, was ich mit dem Haus machen soll. Es war Fionas Idee, ein paar Tage herzukommen. Wir sind eben erst angekommen.“
Bei der Erwähnung ihres Namens hört Fiona auf, ihre beste Freundin und Dean nur zu beobachten. Sie lächelt verschwörerisch.
„Und wie ich sehe, war das eine sehr gute Idee von mir.“ Zwinkernd nimmt sie ihr Cidre-Glas und prostet Cynthia mit einem unauffälligen Blick auf Dean zu.
“Was hält dich denn in der Stadt?,” will Dean wissen.
“Mein Job.” Cynthia seufzt. Brühend heiß fällt ihr wieder der Haufen an Arbeit ein, der unerledigt auf sie wartet. Morgen früh muss sie unbedingt schauen, dass sie irgendwie ins Internet kommt.
“Ich hab gehört, du machst was mit diesem neumodischen Kram. Sozialen Netzen oder so”, mischt sich Margarete ein. Cynthia muss lachen. Neumodischen Kram nennen ihre Eltern das auch.
“Ja, ich betreue Firmen und helfe ihnen im Umgang mit Social Media. Dann gebe ich noch Vorträge… Ziemlich viel zu tun hab ich. Ich muss dauernd zu Meetings und dann bin ich natürlich auch noch auf das Internet angewiesen.”
“Ohja, das Internet. Dean hat mir das letztes Jahr auch gemacht. Damit ich ihm schreiben kann. Das geht ja viel schneller als Post!” Margarete strahlt sie an. Dean lacht über die Worte seiner Mutter.
“Cynthia hat für unseren kleinen Trip extra Termine verschoben oder abgesagt. Aber trotzdem hat sie sich Arbeit mitgenommen, weil sie hoffte, hier arbeiten zu können. Aber ohne Internet muss sie wohl mal ein paar Tage entspannen”, erklärt Fiona. Deans Gesicht leuchtet auf.
“Kommt doch morgen früh einfach mal rüber. Ich hab ein paar Tage frei und bin sowieso bei meiner Mutter. Dann kannst du bei ihr ins Internet, Cynthia”, schlägt er vor.
Während Fiona schon begeistert nickt, zögert Cynthia noch. Warum eigentlich? Das ist doch die Gelegenheit, den erwachsenen Dean näher kennenzulernen.
“Hm, ja mal schauen. Ich glaube, wir sollten besser mal gehen. Ist schon spät und ich bin müde.” Cynthia steht langsam auf und greift zu ihrer Handtasche. Dean schaut sie enttäuscht an.
Fiona steht ebenfalls auf. “Aber das Angebot solltest du nicht ausschlagen, Cynthia. Wir sehen uns dann morgen.” Fröhlich begleitet sie ihre Freundin zum Tresen. Während sie bezahlen, zischt sie Cynthia zu: “Du wirst doch morgen früh wohl rüber zu Dean gehen, oder? Ich mein, schau ihn dir an!”
Cynthia klappt ihre Tasche zu und folgt Fiona zum Ausgang. Sie wirft noch einen Blick über die Schulter zurück zu Dean, der ihr lächelnd nachschaut und winkt. Cynthia erwidert seine Geste und verschwindet in der Dunkelheit.

Zurück im Haus schlüpfen die beiden jungen Frauen in ihre Schlafanzüge und setzen sich auf das große Bett im Gästezimmer. Als Kind fand Cynthia es toll, in einem so diesen Bett zu schlafen. Sie hatte das Gefühl, erwachsen zu sein. Zu Hause hatte sie nur ein kleines, schmales Bett, in dem sie nie so gut schlief, wie hier.
Fiona stupst ihre beste Freundin von der Seite an. Diese lehnt sich in die Kissen und schaut verträumt an die Decke. Dort kleben noch immer die im Dunkeln leuchtenden Sterne, ein Geschenk ihres Vaters. Was wäre gewesen, wenn sie als Teenager noch immer jede Ferien hier verbracht hätte? Ob sie dann mit Dean zusammen gekommen wäre? Aber nein, bestimmt nicht.
“Woran denkst du? Etwa an Dean?” Zwinkernd legt sich Fiona neben sie und starrt ebenfalls an die Decke.
“Ach. Naja. Okay. Ich fand ihn früher toll. Aber ich glaube, er mochte mich immer nur wie eine Schwester,” gesteht Cynthia und schließt die Augen. Für ein paar Minuten liegen sie schweigend da und genießen die Stille. Normalerweise schläft Cynthia immer mit geschlossenem Fenster, doch hier auf dem Land macht sie eine Ausnahme. Denn anders als zu Hause gibt es hier keinen Straßenlärm, keine kreischenden Jugendlichen, die nachts durch die Straßen streifen. Hier gibt es nur Stille und Regentropfen, die auf das Dach prasseln. Ein leichter Wind weht und das Laub an den Bäumen raschelt.
Ein heller Blitz schreckt die beiden Frauen auf. Der polternde Donner lässt sie auffahren. Das Gewitter ist ganz in der Nähe.

“Oh nein, muss es denn jetzt gewittern?”, jammert Fiona und zieht sich die Decke bis ans Kinn. Sie schaut aus dem Fenster und beobachtet die wippenden Äste vor dem Haus.
“Irgendwo müsste eine Gewitterkerze sein…”, murmelt Cynthia und verlässt barfuss das Zimmer. Fiona springt aus dem Bett und folgt ihr.
“Gewitterkerze?”
“Meine Oma war früher mal in Österreich und da war ein heftiges Gewitter. Die Leute zündeten dann eine Kerze an, die sie vor Blitzeinschlägen schützen sollte”, erklärt Cynthia und wühlt in einem Schrank.
Fiona kauert neben ihr und horcht. In der Stadt ist Dunkelheit kein Problem für sie, denn dort ist immer irgendwo Licht. Hier jedoch scheint noch nicht einmal eine Straßenlaterne ins Haus. Ein lauter Donner hallt durch das Dorf und Fiona springt auf. Dabei stößt sie mit dem nackten Fuß gegen eine Kiste, die neben dem Schrank gestanden hat. “Au. Mein Fuß.” Sie beugt sich zu der Kiste runter, doch im Dunkeln kann sie nichts erkennen. Der Deckel ist zur Seite gerutscht und Papiere scheinen sich darin zu befinden.
In der Zwischenzeit hat Cynthia die Kerze und auch Streichhölzer gefunden. “Lass uns mal runter gehen. Was ist denn da in der Kiste drin?”
“Ich weiß nicht. Briefe vielleicht?” Fiona hebt die Kiste hoch und folgt Cynthia nach unten.
In der Küche stellt Cynthia die Kerze ans Fenster und zündet sie an. Fiona drückt den Lichtschalter und ein schwaches Licht scheint von der Decke. Sie hat die Kiste auf den Tisch gestellt und beide Frauen beugen sich nun drüber.
Tatsächlich sind alte Briefe und Fotos in der Kiste. Adressiert sind die Umschläge an Cecily. Es gibt keinen Absender, doch der Schrift nach scheinen die Briefe von einem Mann zu sein.
“Sind die vielleicht von deinem Opa?”, fragt Fiona und zieht ein Foto aus dem Stapel. Es zeigt eine junge Frau, vielleicht sogar unter 20 Jahre alt, mit Bauernzopf und Kleid auf einer Wiese. Sie sitzt unter einem Baum. Cynthia beugt sich über das Bild. “Das ist hier im Garten. Aber die Frau ist nicht Cecily. Das ist Martha, ihre Schwester. Sie war jünger als meine Oma. Ich hab sie aber nie gekannt. Sie muss wohl im Krieg verschwunden sein. Niemand weiß, was mit ihr passiert ist.”
Cynthia betrachtet die Briefumschläge. “Nein, von meinem Opa sind die nicht.” Sie zieht einen Brief heraus. Ein Blitz erhellt die Küche, doch Fiona ist macht das nichts mehr aus. Die Briefe und Fotos haben ihre volle Aufmerksamkeit.
Gerade, als Cynthia den ersten Brief lesen will, blitzt es erneut und das Licht geht aus. “Auch das noch,” stöhnt sie und greift nach ihrer Handtasche, die sie am Abend im Flur abgestellt hat. Natürlich ist der Akku ihres Handys leer. “Wie viel Akku hat dein Handy noch?” Frustriert kehrt sie in die Küche zurück. Fiona zuckt mit den Schultern.
“Hast du keine Taschenlampe? Mein Handy liegt oben.” Fiona tastet sich zur Treppe vor. Sie hört ihre Freundin in einer Schublade kramen.
“Hab eine gefunden… Oh, keine Batterien drin.”
“Ich hol schnell mein Handy,” ruft Fiona und eilt, so gut es geht in der Dunkelheit, ins Schlafzimmer. Doch sie stößt mit dem nackten Fuß gegen eine Stufe und schreit auf. “Auauauau. Mein Fuß!” Passend dazu blitzt es wieder. Der laute Knall folgt kurz darauf. Mit dem schmerzenden Fuß in der Hand sitzt Fiona auf der Treppe und beißt die Zähne zusammen. Tränen schießen in ihre Augen. Das fehlte ja noch. Im Dunkeln während eines Gewitters auf der Treppe eines uralten Hauses mitten im Nirgendwo mit verletztem Fuß sitzen ist genau das, was Fiona sich für diese Nacht vorgestellt hatte.

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