Kapitel 5

Die Sonne scheint in die vorderen Fenster und nur das Ticken der Uhr ist zu hören. Eine Biene summt um das gekippte Fenster in der Küche und landet schließlich auf einer Blume, die auf der Fensterbank steht. Ein paar Vögel hüpfen im Vorgarten und zwitschern dabei fröhlich. Ein paar Häuser weiter bellt ein Hund. Eine getigerte Katze sitzt auf einer Mauer in der noch angenehmen Morgensonne und putzt sich gründlich, während eine Fliege um sie herum fliegt. Doch davon lässt sich der Stubentiger nicht stören.

Cynthia öffnet ihre Augen. Verwirrt lässt sie ihren Blick über ihre Umgebung schweifen. Eine fremde Küche. Warum ist ihr Kopfkissen so unbequem? Vorsichtig richtet sie sich auf und stellt fest, dass sie auf ihrer Armbeuge geschlafen hat, die auf einem Stapel Briefe liegt. Verschlafen reibt sie sich die müden Augen. Da fällt ihr ein, wo sie ist. Cecilys Haus, der Abend im Pub, das Gewitter, die Kiste mit den alten Briefen und Fotos, Stromausfall. Wo ist Fiona eigentlich?

Während ihre Freundin in der Küche über den Briefen eingeschlafen ist, hat sich Fiona ins Bad geschleppt und mit einem nassen Waschlappen ihren Fuß gekühlt. Von unten kam kein Mucks. Also ist Fiona zurück ins Bett gehumpelt und ist schließlich erschöpft eingenickt.

Jetzt schwingt sie sich aus dem Bett und verzieht erst mal das Gesicht, als die den Fuß auf dem Holzboden aufsetzt. Fluchend verlässt sie das Zimmer und hinkt in die Küche, wo sie Cynthia antrifft. Diese versucht gerade Kaffee in einer alten Filtermaschine zuzubereiten.

“Wie viele Löffel Kaffee nimmt man denn da? Ach, egal… Ich brauch was Starkes!” Fiona sieht ihr dabei zu, wie sie ziemlich viel Pulver in den Filter versenkt und schließlich die Maschine einschaltet. Cynthia hat sie noch nicht bemerkt. Ihre langen Haare verdecken ihr Sichtfeld und sie hat noch die gleichen Klamotten wie am Abend zuvor an, nur wirken sie etwas zerknittert.

“Guten Morgen, Sonnenschein! Na, gut geschlafen?” Fiona löst sich vom Türrahmen, an dem sie lehnte und geht auf Cynthia zu, die vor Schreck beinahe eine kleine Tasse mit Blumenmuster fallengelassen hätte.

“Huch, wo kommst du denn her?” Cynthia stellt die Tasse ab und wirft sich mit einer Kopfbewegung die Haare aus dem Gesicht.

“Aus dem Bett. Hast du überhaupt geschlafen?” Fiona setzt sich an den Tisch und zieht wahllos einen der Briefe aus dem Haufen. Cynthia bleibt neben der Kaffeemaschine stehen und sieht der braunen Plörre beim Durchlaufen zu.

“Nein. Als du dein Handy holen wolltest, hab ich gemerkt, wie müde ich bin. Muss wohl beim Lesen der Briefe eingeschlafen sein.” Aus einem Schrank nimmt sie noch eine zweite Blümchentasse und nimmt die Kaffeekanne aus der Maschine. “Willst du auch was?”

Fiona blickt von einem Foto auf und schüttelt schnell den Kopf. Mit ihrer Tasse setzt Cynthia sich zu ihrer Freundin.

“Wenn ich nur wüsste, was es mit den Briefen auf sich hat und wieso in der Kiste so viele Fotos von Omas Schwester sind… Ich glaube, ich werde mal Margarete fragen. Ob sie schon wach ist?” Cynthia dreht sich zur Uhr. Es ist halb 7.

“Du willst sie aber doch nicht jetzt wecken, oder? Vielleicht sollten wir das Wetter und die Ruhe nutzen, um uns hier im Ort umzusehen. Bestimmt gibt es hier doch einen Bäcker. Ich hab tierisch Hunger!” Fiona steht auf und steckt sich. Sie braucht auf jeden Fall Kaffee, aber den von Cynthia gekochten rührt sie besser nicht an.

“Okay, na gut. Lass mich nur noch eben den Kaffee trinken.” Cynthia hebt ihre Tasse an die Lippen, schließt die Augen und nimmt einen Schluck. Zeitgleich verzieht sich ihr Gesicht. “Igitt, das schmeckt ja ekelhaft!” Sie springt auf und schüttet den Kaffee in den Ausguss. Fiona hat schon ihre Tasche in der Hand und steht bereit an der Haustür. Bereit für eine Erkundungstour. Allerdings bezweifelt sie, dass es viel zu entdecken gibt hier. Ob der Bäcker wenigstens “Coffee to Go” verkauft?

Ein paar Minuten später stehen sie vor der geschlossenen Bäckerei. Ein Schild im Schaufenster weist darauf hin, dass sie erst um 8 Uhr öffnen. Enttäuscht und hungrig wenden die Freundinnen sich ab und gehen die Straße entlang, immer weiter in den Ortskern hinein,

Ein kleiner Marktplatz um die Kirche herum taucht vor ihnen auf. Hier stehen ein paar Marktstände mit frischem Obst und Gemüse. Auch ein Milchbauer hat seinen Stand dort aufgestellt und verkauft Käse und Milch. An einem anderen Stand sitzt eine Frau vor einem Spinnrad.

“In welcher Zeit sind wir gelandet?” Fiona sieht sich ungläubig um. Alles wirkt so altertümlich, obwohl die wenigen Menschen auf dem Marktplatz angezogen sind, wie moderne Menschen. Ein Mann hat sogar ein Smartphone in der Hand. Trotzdem hat Fiona das Gefühl, eine Zeitreise gemacht zu haben. Sie hat noch nie jemanden Wolle spinnen gesehen. Durch die alten Steinhäuser um sie herum wirkt das Bild, was sich ihnen bietet, alt. Die Stände scheinen schon in die Jahre gekommen zu sein und die Waage am Gemüsestand ist wohl auch nicht mehr die neueste.

“Ach, schaut mal, wer da ist. Cecilys Enkelin Cynthia.” Eine Frauenstimme ertönt hinter ihnen. Sie klingt mittleren Alters und freundlich, als würde sie sich herzlich über die Ankunft der jungen Stadtmenschen freuen. Die beiden drehen sich um.

“Kennst du die?”, flüstert Fiona. “Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, das ist die Pastorin.”

Lächelnd schütteln sie der Frau die Hand. “Wie gefällt es euch hier? Ich hoffe, das Gewitter diese Nacht hat euch nicht allzu große Angst gemacht.”

Ein paar andere Leute versammeln sich um die Neuankömmlinge und stellen neugierige Fragen. Normalerweise hat Cynthia kein Problem damit, von einer Gruppe zu sprechen, aber diese Belagerung ist ihr unangenehm – vor allem so früh am Morgen. Fiona zieht leicht an ihrem Arm und erklärt der Gruppe, sie müssten noch was für ihr Frühstück einkaufen.

Schließlich gehen sie mit etwas Obst und einer Flasche Milch in Richtung des Hauses. Auf dem Weg dorthin kommt ihnen Dean entgegen.

“Guten Morgen! Ihr seid ja schon auf den Beinen.” Dean strahlt sie an, doch sein Blick ruht auf Cynthia. Schon wieder wird diese verlegen und senkt den Blick.

“Hi Dean. Die Nacht war recht kurz dank des Gewitters und wir wollten eigentlich noch Brötchen kaufen”, erklärt sie.

“Aber der hat ja noch zu. In der Stadt kann man quasi rund um die Uhr einkaufen und hier muss man bis 8 Uhr warten”, beschwert sich Fiona mit nicht ganz so ernster Miene.

“Kommt doch zu uns zum Frühstücken. Meine Mutter kauft immer zu viel, wenn ich da bin. Dann kannst du direkt mal ins Internet, Cynthia”, schlägt Dean vor. Cynthia überlegt. Frühstück bei Margarete und Dean? Na, warum nicht?

“Geht ihr schon mal vor. Ich muss noch schnell Käse holen.” Und schon ist Dean verschwunden Richtung Markt.

Margaretes Haus ist zwar ebenfalls schon sehr alt, doch innen sieht man davon kein bisschen. Ihre Küche ist modern eingerichtet und der Herd hat ein Ceranfeld.  Im Wohnzimmer steht ein Flachbildfernseher und auch hier sind die Möbel recht neu.

Das Wichtigste: sie hat eine vernünftige Kaffeemaschine. Fiona und Cynthia genießen ihre Tasse Kaffee, während sie auf Dean warten. Margarete holt Marmelade, Nutella und Wurst aus den Schränken und stellt sie auf den Tisch. Ihr Mann, Henry, ist gerade runter gekommen und hat sich zu den Gästen an den Tisch gesetzt. Er muss gleich zur Arbeit fahren, hat also nicht viel Zeit für Smalltalk.

“Alte Briefe und Fotos? Merkwürdig. Davon hat Cecily mir nie etwas erzählt. Soll ich sie mir mal anschauen?” Margarete sitz neben ihrem Mann und trinkt Tee.

“Das wäre nett. Vielleicht kannst du uns dann sagen, was es damit auf sich hat.” In dem Moment betritt Dean die Küche.

“Wa hat es womit auf sich?” Er hat wohl Cynthias Satz gehört.

“Die beiden haben bei Cecily alte Briefe gefunden und Fotos, auf denen Cecilys Schwester drauf ist”, klärt ihn seine Mutter auf.

Dean lässt sich auf den Stuhl neben Cynthia fallen und streift dabei wie zufällig ihr Bein mit seinem Knie. Cynthia spürt eine wohlige Wärme an der Stelle. Sie versucht, sich auf ihr Brötchen mit selbstgemachter Erdbeermarmelade zu konzentrieren.

“Cecily hatte eine Schwester?” Dean greift nach einem Körnerbrötchen und schneidet es auf. Kauend nickt Cynthia und legt ihr Croissant auf den Teller.

“Ja, aber die ist im zweiten Weltkrieg verschwunden. Niemand weiß, ob sie verwundet worden ist oder ob sie sich vorsätzlich aus dem Staub gemacht hat. Ich wollte die Briefe mal vorbeibringen. Vielleicht hast du eine Ahnung, Margarete? Bekam Oma Briefe von einem Mann?”

Margarete schüttet sich Milch in ihren schwarzen Tee und sieht nachdenklich aus.

“Nicht, dass ich wüsste. Aber ich kann trotzdem mal einen Blick darauf werfen.”

Ein paar Minuten sitzen sie schweigend um den Tisch und genießen in Ruhe ihr Frühstück. Cynthia wirft Dean ab und zu verstohlene Blicke zu. Manchmal erwischt sie ihn dabei, wie er sie anstarrt. Dann senkt sie schnell den Blick und spürt, wie ihr Gesicht heiß wird. Mit den Bartstoppeln sieht er aber auch echt…

Bevor ihre Gedanken noch weiter wandern, räuspert sie sich und legt ihr Messer auf den leeren Teller.

“Vielleicht sollte ich mal das Internet nutzen. Ich hole schnell meine Sachen.” Mit einem entschuldigenden Lächeln rückt sie ihren Stuhl nach hinten und steht auf. Dean folgt ihr.

“Ich komm mit raus. Die Zeitung ist gerade gekommen.” Schweigend verlassen sie das Haus und stehen im warmen Morgenlicht. Ein Vogel sitzt im Vorgarten und pickt im Gras. Als er sie hört, hüpft er schnell davon.

Dean greift in den Briefkasten und fischt eine Zeitung heraus. Unschlüssig bleibt Cynthia vor der Haustüre stehen.

“Ich find es schön, dass du da bist, Cynthia.” Seine angenehme Stimme sorgt für einen kalten, aber angenehmen Schauer auf ihrem Rücken. Leicht berührt er mit seinen Fingern ihre Wange und lächelt sie an. Am liebsten würde Cynthia dahinschmelzen, doch sie darf jetzt nicht schwach werden. Sie muss dringend ein wenig arbeiten. Doch bevor sie sich von ihm entziehen kann, hält er sie sanft am Arm fest.

“Hast du Lust, nachher einen kleinen Spaziergang mit mir zu machen?” Er schaut sie dabei mit seinen braunen Augen an, dass ihre Knie weich werden. Energisch streckt sie den Rücken. Arbeit, sie muss an die Arbeit denken!

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