Kapitel 6

Mit dem Laptop auf einem kleinen Wohnzimmertisch versucht Cynthia zu arbeiten. Sie hat zu hause noch eine Präsentation vorbereitet, die sie nun fertig stellen muss, um sie später dem Kunden zu schicken. Nächste Woche soll sie eine Schulung bei einem neuen Kunden leiten. Wenn das schief geht, kann sie alles vergessen.

Ihre Perfektion gekoppelt mit dem Ehrgeiz hat sie dahin gebracht, wo sie jetzt ist: selbstständig, schicke Wohnung, genug Geld zum Leben und für das eine oder andere Luxusteil. Viel Urlaub macht sie nicht, da spart sie schon einiges. Sie hat gelernt, dass man für sein Geld hart arbeiten muss. Zwar ist sie reich geboren worden, doch sie weiß, dass ihre Eltern nicht immer das Glück hatten, sich um Geld keine Sorgen machen zu müssen. Sie mussten hart kämpfen für das, was sie nun haben. Und genau das möchte Cynthia auch. Reich heiraten wäre eine Option, die sicher leichter wäre. Doch sie wurde so erzogen, dass sie unabhängig leben soll und nicht auf Kosten anderer.

Verbissen tippt sie auf der Tastatur des Laptops, ohne auf ihre Umwelt zu achten. So bemerkt sie zum Beispiel nicht, dass Margarete ihr eine Tasse Tee gebracht hat oder Fiona die Kiste mit den Briefen und Fotos ins Nebenzimmer transportiert hat. Auch Dean, der sie von der Türe aus beobachtet, nimmt sie nicht wahr.

Schließlich, nachdem sie auf ihrem Kalender einige Punkte abgehakt hat und ein paar Notizen hingekritzelt hat,

bemerkt sie ihre Rückenschmerzen. Sie steht auf um sich zu strecken und ihr Blick fällt auf die noch volle Tasse Tee, die mittlerweile kalt geworden ist.

Nebenan hantiert Margarete mit dem Mittagessen. Plötzlich nimmt Cynthia den Geruch wahr. Es riecht nach Essen! Sie war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie gar nicht das Knurren ihres Magens gespürt hat.

“Oh, hallo Cynthia. Bist du fertig mit deiner Arbeit?” Margarete blickt erfreut vom Herd auf, als Cynthia die Küche betritt. Cynthia kippt die Tasse mit dem Tee aus. Margarete bietet ihr stattdessen ein Glas Wasser an, das sie dankend annimmt. Trotz der Steine, aus denen alle Häuser in diesem Dorf gebaut sind, kriecht so langsam die Hitze von draußen rein. Erst jetzt merkt Cynthia, dass sie in ihrer Strickjacke schwitzt und streift sie ab.

“Du brauchst uns aber nicht zu bekochen”, sagt Cynthia nachdem sie einen Schluck Wasser genommen hat.

“Aber ich möchte es, Cynthia. Ich habe dich so viele Jahre nicht gesehen und es ist so schön, dich hier zu haben, auch, wenn der Anlass traurig ist.” Margarete hebt den Deckel von einem Topf, überprüft den Inhalt und schließt den Topf wieder. Geschäftig wirbelt sie in der Küche umher, rührt mal hier, wendet etwas in einer Pfanne und zieht Schubladen auf, um ihnen etwas zu entnehmen. Cynthia beobachtet sie mit einem wehmütigen Lächeln. Früher haben sie und die anderen ihr gerne beim Kochen zugeschaut. Cecily mochte nie Zuschauer beim Kochen, also hat sie die Kinder zum Spielen raus geschickt. So haben sie viele Mittage nebenan verbracht.

Anders als damals sitzt Cynthia allerdings ruhig am Tisch. In Gedanken stellt sie sich als Kind in dieser Küche vor. Sie sieht ihr lachendes, junges Ich durch den Raum laufen, hinter ihr rennt Dean mit einem Holzlöffel.

Plötzlich steht der erwachsene Dean in der Tür und grinst den Gast am Tisch seiner Mutter an.

“Hey, schon Feierabend?” Cynthia wird rot. Dieses Lächeln hat sie schon als Jugendliche schwach werden lassen.

Bevor sie aber antworten kann, dreht sich seine Mutter zu ihm um und befiehlt ihm, den Tisch zu decken. “Und schau mal nach, ob wir noch etwas Cider haben. Den kannst du direkt auf den Tisch stellen.”

Auch Fiona scheint das Essen gerochen zu haben, denn sie spaziert gerade herein, als Margarete das Essen in  Porzellanschüsseln füllt.

“Hmm, was duftet denn hier?” Neugierig schaut sie über Margaretes Schulter, die gerade Kartoffeln auf den Tisch gestellt hat. Dean hat den Tisch gedeckt und kommt gerade mit einer Flasche Cider aus dem Keller. Aus dem Wohnzimmer holt er passende Gläser und hilft seiner Mutter mit den Schüsseln.

Schließlich sitzen die vier auf ihren Plätzen und greifen zu den duftenden Schalen. Schweigend genießen sie die ersten Minuten des Essens. Dann bricht Cynthia das Schweigen.

“Hast du dir die Briefe schon angeschaut”, fragt sie Margarete. Diese kaut und spült das Essen mit Cider runter.

“Ja, ich erinnere mich dabei auch an etwas, was Cecily mir mal erzählt hat.”

Cynthia legt ihr Besteckt beiseite und schaut Margarete interessiert an. “Echt? Was denn”

“Lasst uns doch erst mal fertig essen.” Margarete lächelt entschuldigend und widmet sich wieder dem Teller vor ihr.

Was kann das sein, was Cecily ihr erzählt hat? Wusste sie vielleicht doch, was mit ihrer Schwester passiert ist?

Dean nutzt das erneute Schweigen, um Cynthia wieder zu einem Spaziergang zu bewegen. Fionas Blick wandert zwischen den beiden hin und her. Sie spürt, dass Dean viel an einer positiven Antwort liegt und sie hofft, dass Cynthia ihm eine Chance gibt.

Cynthia seufzt. Insgeheim freut sie sich darauf, mit Dean spazieren zu gehen. Eigentlich wollte sie schon Ja sagen, als er sie das erste Mal fragte, aber sie wollte ihn etwas zappeln lassen und außerdem war die Arbeit keine Ausrede. Doch sie war eben so fleißig, dass sie sich eine Pause verdient hat.

Fiona und Margarete räumen den Tisch auf. Bevor sie erzählen will, was sie weiß, scheucht sie Cynthia mit ihrem Sohn aus dem Haus.

“Geht raus, genießt das Wetter und wenn ihr zurück kommt, gibt es Kaffee und Kuchen. Dann erzähl ich dir auch was, Cynthia.”

Dean nimmt Cynthias Hand und führt sie nach draußen. Im Gegensatz zu Cecilys Haus hat dieses nur einen ganz kleinen Vorgarten. Doch dafür steht dort ein alter Brunnen, der heute nicht mehr in Gebrauch ist.  Ein Vogel sitzt auf der Pumpe und zwitschert, als Dean und Cynthia vor die Haustüre treten. Er hält immer noch ihre Hand, die sich warm und weich an ihrer Haut anfühlt.

“Wahrscheinlich hat sich nicht viel verändert hier, hm?” Cynthia zieht vorsichtig ihre Hand aus seiner und geht einen Schritt auf den Brunnen zu. Der Vogel fliegt panisch weg und lässt sich auf dem Gehweg nieder. Cynthia drückt die Pumpe, doch sie lässt sich nur schwer betätigen. Dean folgt ihr und führt sie zur Straße. Dort steht ein schwarzes Motorrad. Am Lenkrad hängen zwei passende Helme. Er bleibt vor der Maschine stehen und streicht mit einer Hand über die Lederflächen.

“Geändert hat sich landschaftlich tatsächlich nichts, aber statt mit dem Fahrrad brause ich jetzt mit dem Motorrad durch die Gegend.” Er grinst die bleich werdende Cynthia an. Sie hat noch nie auf einem solchen Teil gesessen geschweige denn eine Tour unternommen. Autos findet sie angenehmer und weniger gefährlich. Doch sie möchte vor Dean nicht als Angsthase dastehen und zwingt sich zu einem Lächeln.

Dean reicht ihr den Ersatzhelm. “Schon mal gefahren?”

Cynthia schüttelt wortlos den Kopf, während er ihr dabei hilft, den Helm zu schließen. Seine Finger streifen dabei ihren Hals und die Haut kribbelt leicht.

Okay, was soll’s? Etwas Spaß schadet ja nicht, denkt Cynthia, die sich nun hinter Dean auf das Motorrad schwingt und ihre Arme um seine Hüfte schlingt, um nicht runterzufallen.

Dean dreht den Kopf zu ihr. “Bist du bereit”, ruft er. Wieder kann Cynthia nur nicken. Vor ihm würde sie es nie zugeben, aber sie hat fürchterliche Angst. Ihr Knie beginnen zu zittern, als er langsam anfährt und auf die Straße rollt. Sie krallt sich an seiner Lederjacke fest und presst die Augen zu, während er langsam aus dem Ort fährt. Erst als sie einige Minuten gefahren sind, öffnet sie ein Auge, um zu sehen, wo sie sich befinden. Ringsherum sind nur Felder. In der Ferne erkennt sie einen Wald, auf den sie zusteuern.

Langsam öffnet sie auch noch das andere Auge und beginnt, die Fahrt zu genießen. Entweder Dean fährt wegen ihr so vorsichtig oder er fährt immer so. Kurz vor dem Wald biegt er auf einen Parkplatz ab, um dort zu parken.

Mit etwas wackeligen Beinen steigt Cynthia ab und lässt sich von ihm den Helm öffnen. Sie schüttelt ihre blonde Mähne aus und sieht Dean fragend an. “Wo sind wir denn?” Sie dreht sich um, doch das Waldstück kommt ihr nicht bekannt vor.

“Wir waren als Kinder nie hier, weil es zu weit weg ist. Dabei ist es richtig schön hier. Komm mit, ich zeig dir was.” Wieder ergreift er ihre Hand und zieht sie zum Waldweg.

Hand in Hand spazieren sie zwischen den grünen Laubbäumen und Tannen. Ihr macht es nichts mehr aus, dass er sie an die Hand nimmt. Vielmehr genießt sie nun die Berührung und es fühlt sich sogar richtig gut an – und so selbstverständlich.

Lächelnd lässt sie sich von ihm durch den Wald führen. Wann hat sie sich eigentlich das letzte mal so frei und glücklich gefühlt?

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