Kapitel 7

Eine kleine Oase taucht vor ihnen auf, als sie ein paar Minuten schweigend durch den Wald spaziert sind.

“Oh”, entfährt es Cynthia als sie vor der Lichtung stehen bleiben. Die Sonnenstrahlen tanzen auf dem kleinen See und lassen das Wasser glitzern. Stille umhüllt das kleine Fleckchen Erde und nur hier und da hört Cynthia einen Vogel singen. Über ihr im Baum summt es beruhigend.

“Schön, oder?” Deans Stimme ist ganz nah an ihrem Ohr und sie spürt seinen warmen Atem auf ihrer Haut. Ganz lässig legt er seinen Arm um ihre Schultern und gemeinsam gehen sie ans Ufer. Sie setzen sich auf einen Stein und ziehen sich die Schuhe aus, um die nackten Füße ins kühle Nass tauchen zu können.

“Schade, dass wir als Kind hier nie waren. Das wäre doch ein idealer Ort zum Schwimmen gewesen”, bemerkt Cynthia.

“Du glaubst doch nicht, dass Cecily dich hier hätte schwimmen lassen.” Auch, wenn ihre Oma nie streng war, beim Thema schwimmen ließ sie nicht mit sich reden.

“Das stimmt.” In ihren späteren Urlauben am Meer wurde Cynthia zur Wasserratte. Als Teenager liebte sie es, ins Wasser zu tauchen und eine völlig neue Welt zu entdecken. Welche Welt mag sich unter der Wasseroberfläche dieses Sees zu verbergen?

Spontan springt sie auf. Sie hat Lust zu schwimmen. “Komm, lass uns schwimmen!”

Verwirrt schaut Dean sie an, doch die Verwirrung weicht einem strahlendem Lächeln, das einfach unwiderstehlich wirkt. Bevor sie noch irgendeine Dummheit anstellen kann, wendet sie sich ab und knöpft ihre Bluse aus. Ob sie nun einen Bikini trägt oder ihre Unterwäsche – wo ist da der Unterschied?

Sie spürt seinen Blick, als sie ihre Bluse abstreift und ihre Jeans auszieht. Mit hochrotem Kopf dreht sie sich von ihm weg. Er hat sich bisher noch nicht bewegt, sondern sitzt noch auf dem Stein und schaut ihr zu.

Vorsichtig geht Cynthia bis zu den Knie in das Wasser. Obwohl die Luft heiß ist, ist das Wasser recht kühl. Sofort bildet sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper und instinktiv verschenkt sie die Arme über der Brust.

“Brrr”, murmelt sie. Hinter sich hört sie, wie Dean sich auszieht und die Wellen um ihre Beine sowie das Platsch-Platsch verraten, dass er ihr gefolgt ist.

“Hui, ganz schön frisch, das Wasser!” Dean lacht und schaufelt mit den Händen Wasser in ihre Richtung. Das kalte Nass trifft sie wie ein Schlag und im ersten Moment ist sie geschockt, doch dann lacht sie laut und dreht sich um, um sich rächen zu können. Doch Dean ist schneller und greift nach ihren Beinen. Er hebt die zappelnde Cynthia in die Luft.

“Lass mich runter”, ruft sie lachend und tritt mit den Füßen um sich. Vorsichtig setzt Dean sie wieder ab und schwimmt ein paar Meter weiter zur Seemitte.

Das Gewässer ist nicht groß und auch nicht tief. Beide können hier stehen, doch auch zum Schwimmen ist das Wasser nicht zu niedrig. Gemeinsam schwimmen sie ein paar Runden, bespritzen sich gegenseitig mit Wasser, wie Kinder.

Die Sonne wärmt ihre Haut und die Stille des Waldes umhüllt sie. Glücklich taucht sie kurz unter das Wasser, um zu sehen, wie es dort aussieht.

Das Kind in ihr wünscht sich eine völlig neue Welt mit bunten Fischen, glitzernden Steinen und Meerjungfrauen, doch die Realität sieht ganz anders aus: Pflanzen, graue Steine, ein paar dunkle Fische, Schlamm, etwas Müll. Enttäuscht taucht sie wieder auf und wäre beinahe gegen Dean geschwommen, der im Wasser steht und auf sie herabsieht.

Mit den Händen streift sie die nassen Haare nach hinten und schüttelt das Wasser aus den Ohren. Dean lächelt sie einfach nur an. Verlegen macht sich Cynthia auf zum Ufer, doch Dean hält ihre Hand fest und sie dreht sich wieder zu ihm um.

Er sieht sie einfach nur an und Cynthia kann nicht anders, als den Blick zu erwidern. Ruhig lässt er seinen intensiven Blick über ihr Gesicht gleiten und dann ihren Körper entlang. Eine Locke seiner dichten braunen Haare hängt in seinen Augen und zögernd streicht Cynthia sie beiseite. Sofort richtet er seine Augen auf ihre und neigt den Kopf leicht zur Seite. Mit klopfendem Herzen schließt sie ihre Augen und Sekunden später spürt sie seine weichen Lippen auf ihren.

Der Kuss  dauert nur wenige Augenblicke, doch für Cynthia fühlt er sich wie eine Ewigkeit an. Es ist, als würden sie über dem See schweben. Ihr ganzer Körper kribbelt, als würden hunderte Bienen durch ihre Venen krabbeln. Sie hat noch nie einen solchen Moment erlebt.

Als sie sich von einander lösen, lehnt er seine Stirn an ihre und streichelt mit dem Daumen ihre Mundwinkel.

“Das wollte ich schon vor 15 Jahren machen”, gesteht er ihr mit rauer Stimme. Cynthia fühlt sich plötzlich wie ein Teenager. Der einzige Junge, in den sie jemals wirklich verliebt war, steht nun als erwachsener Mann vor ihr, die Arme um ihre Hüfte und die Lippen nur wenige Zentimeter von ihren entfernt. Ihre Mundwinkel bewegen sich nach außen. Aus einem Lächeln wird ein breites Grinsen und auch Dean lacht. Glücklich umarmt sie ihn und presst ihr Gesicht in die Kuhle zwischen Schultern und Hals.

Sanft trägt er sie aus dem Wasser und setzt sie auf den sonnenwarmen Stein. Mit seinem T-Shirt rubbelt er sich trocken. Cynthia kuschelt sich an ihn. Ohne ein Wort zu sagen, trocknet er sie weiter vorsichtig ab, bevor er sich selber wieder anzieht.

So bleiben sie noch eine Weile dort in der Sonne sitzen und genießen die Ruhe und die Gegenwart des jeweils anderen.

Auf dem Rückweg kommen sie an einer alten Hütte vorbei, die von einem kaputten Holzzaun umgeben ist. Ein paar Blumen stehen auf den Fensterbänken und an der Seite hängt Wäsche auf einem Ständer. Draußen ist jedoch niemand zu sehen. Cynthia fragt sich, wer dort wohnt. Sie nimmt sich vor, Margarete danach zu fragen. Heute Abend wollten sie sich sowieso zusammensetzen, um die Bilder und Briefe aus der Kiste durchzugehen.

Während die Spätnachmittagssonne die grünen Wiesen in ein schönes Licht tauchen und die beiden über die Landstraße rauschen, denkt Cynthia an die Arbeit. Sie muss eigentlich noch mal ihre Präsentation durchgehen. Doch sie hat jegliche Gedanken an alles, was mit der Arbeit zutun hat, beim hinter sich gelassen, als sie zum ersten Mal auf das Motorrad gestiegen ist. Der Nachmittag tat ihr so gut, dass sie jetzt nicht an die Pflichten denken möchte. Trotzdem nagt ein Gedanke an ihr: übermorgen müssen sie wieder abreisen, denn sie hat einige wichtige Termine, darunter auch die Präsentation.

Sie spürt einen Stich in der Magengegend, wenn sie daran denkt, dass sie das alles hier wider hinter sich lassen muss. Obwohl sie es nie offen zugeben würde, sie fühlt sich auf dem Land richtig wohl. Ihre ungeschminkten Wangen wirken rosiger und eine angenehme Müdigkeit, die sie schon lange nicht mehr gemerkt hat, macht sich breit. Mit einem Grinsen lehnt sie sich an Deals Rücken. Das Leder seiner Jacke riecht nach Landluft, Abenteuer und Dean. Bevor sie jedoch auf dem fahrenden Motorrad einschläft und die Balance verliert, richtet sie sich wieder auf. In dem Moment tauchen die ersten Häuser auf und Cynthia spürt ein Gefühl des Ankommens.

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