mein Beitrag zum „Seemannsgarn“

Entstanden ist die Kurzgeschichte im Rahmen des Wettbewerbs Seemannsgarn. Leider hat sie es nicht in die engere Auswahl geschafft, aber das war auch das allererste Mal, dass ich überhaupt bei einem solchen Wettbewerb mitgemacht habe.

Und weil mir nie Titel einfallen, hat die Geschichte auch keinen. 😉

Das Leben auf einem Piratenschiff ist spannend. Sie glauben gar nicht, welche Wesen es auf den Meeren gibt. Ich spreche hier nicht von Menschen, sondern Kreaturen, von denen Sie bisher dachten, dass es sie nur in Märchen und Sagen gibt.

Als wir letztens bei wunderschönem Sonnenschein unterwegs waren, konnten wir ein dunkles Schiff, das stellenweise in der Mittagssonne golden aufblitzte, von Weitem erkennen. Sofort waren wir neugierig auf das, was da langsam auf uns zu kam. Jeder griff zu Säbeln, Pistolen und anderen Waffen, um sich für den Angriff bereit zu machen. Man weiß nie, wer oder was auf fremden Schiffen lauert.

Schließlich waren wir fast neben dem anderen Schiff. Ich traute meinen Augen kaum: an der Reling waren Abertausende Goldplättchen angebracht. Das Schiff selber war aus dunklem Holz. Wir hatten nur das Gold im Sinn und so sprangen wir mit Gebrüll auf das gegnerische Schiff.

Ich landete gerade auf der Brüstung, als ich in die überraschten Gesichter von Satyren blickte. Sie waren nackt und hatten spitze Hörner auf ihrem Kopf. Ihre Körper waren braungebrannt von der Sonne und wiesen zum Teil Kampfspuren wie blaue Flecken und dicke Kratzer auf. Sie trugen Speere oder Bögen an ihren Rücken. An ihren Seiten hingen Köcher mit Pfeilen.

Unsere Männer gingen in Angriffsstellung. Mit lodernden Blicken starrten uns die Wesen an. Langsam nahmen sie ihre Waffen und kamen auf uns zu. Ich stand mittendrin und hielt meinen Säbel locker in meiner Hand. Ich konnte mich nicht bewegen. Noch nie zuvor hatte ich Satyren gesehen. Selbst mein Vater noch nicht. Wir kannten sie bislang nur aus Erzählungen – genau wie Sie!

„Mädchen, ey, beweg deinen Arsch,“ rief mir einer der Männer zu. In dem Moment wurde ich aus meiner Starre in die Wirklichkeit zurückgeholt und realisierte, dass zwei besonders böse aussehende Satyre mir bedrohlich nahe gekommen waren. Sofort ging ich ein paar Schritte zurück und packte meinen Säbel mit aller Kraft. Ich hielt ihn mit einigem Abstand von mir weg und deutete mit der Spitze auf den Hals des einen Satyrs. Er hatte giftgrüne Augen und seine muskelbepackten Arme waren dicker als meine Beine. Er ließ einen Schrei ertönen und entblößte dabei seine verstümmelten Zähne. Der zweite versuchte, meinen rechten Arm mit seinem Speer zur Seite zu drücken, damit meine Brust frei war. Doch ich hielt stand und griff an. Mein Säbel verletzte ihn an der Schulter. Dunkles Blut strömte aus der Wunde. Der andere Satyr versuchte nun, mich zu packen und über Bord zu werfen, aber er wurde von einem unserer Männer angegriffen und verlor dabei seine Hand, die nun an meiner Stelle ins Meer flog.

Plötzlich tauchte aus dem Wasser etwas Buntes auf. Verwirrt drehte ich mich um und wäre beinahe von einem Satyr geköpft worden, hätte einer der Piraten nicht so schnell reagiert und ihm seinen Säbel in die Brust gerammt. Blut spritzte in alle Richtungen und der Satyr kippte vornüber. Schnell wandte ich mich wieder dem bunten Etwas zu. Es war ein schwimmendes Einhorn. Seine regenbogenfarbene Mähne glitzerte, ebenso sein elfenbeinfarbenes Horn. Ich wusste, dass schwimmende Einhörner nur ganz selten auftauchten. Angelockt wurden sie unter anderem durch Satyrblut. Wahrscheinlich hat die abgetrennte Hand das Wesen an die Oberfläche gelockt.

Bei dem Anblick vergaß ich beinahe, dass noch ein paar Satyre übrig waren. Meinen Blick konnte ich nur schwer von dem wunderschönen Wesen lösen, doch der Kampflärm um mich herum holte mich wieder in die Realität zurück.

Der Kampf dauerte nicht lange und ich schaffte es, ein paar Satyren zu töten. Endlich war die Besatzung des Satyr-Schiffs entweder tot oder lag schwer verletzt in einer Ecke.

Wir machten uns an dem Gold zu schaffen und einer fand sogar ein paar Flaschen Rum. Beseelt von der Beute, kehrten auf unser Schiff zurück und saßen friedlich beisammen, um den Erfolg zu feiern.

Sie wundern sich bestimmt, was eine junge Frau auf einem Piratenschiff zu suchen hat.

Ich bin bei meiner Mutter in einer kleinen Hafenstadt im Süden aufgewachsen. Da schien immer die Sonne, es war friedlich dort und die Menschen waren glücklich. Als vor vielen Jahren ein Piratenschiff dort anlegte, waren sofort alle besorgt. Doch die Männer wollten nur eine Pause machen, tranken Rum in den Tavernen, aßen Braten und brachten dem Städtchen viel Geld ein – und manch einer Frau bescherten sie neun Monate später ein Kind.

Bei meiner Geburt war mein Vater sogar dabei, hat meine Mutter erzählt. Doch ihre Eltern duldeten die Beziehung der beiden nicht und so machte mein Vater sich wieder auf, die Meere zu bereisen, Ungeheuer zu töten, reiche Kapitäne und ihre Schiffe auszurauben und den Alkohol fließen zu lassen.

Dass in mir das starke Blut meines Vaters fließt, merkte meiner Mutter schnell. Doch sie dachte, sie könnte mich bändigen und eine feine Dame aus mir machen. Schöne Kleider und den ganzen Tag nähen waren jedoch nicht meine Welt. Also verließ ich mit 18 Jahren meine Heimat. Ich wollte Piratin auf dem Schiff meines Vaters werden.

Er war natürlich nicht sehr angetan von der Idee, seine Tochter von nun an bei den Raubzügen dabeizuhaben. Doch ich ließ nicht locker und er brachte mir schließlich das Kämpfen bei. Mit der Zeit lernte ich viele Tricks und schon bald stellte sich heraus, dass ich eine Fähigkeit geerbt hatte, die vor mir nur von meinem Ur-Großvater bekannt war und mit Drachen zu tun hat.

Ich bin gerne bei meinem Vater und seiner Crew. Zwar war es zu Beginn etwas komisch, als einzige Frau unter Männern zu sein, doch ich hatte bald den Respekt der Männer verdient. Ich kann kämpfen wie ein Mann und wurde schnell zu einem vollwertigen Crewmitglied.

Es wird nie langweilig bei uns. Wir erkunden spannende und schöne Orte und sehen die tollsten Kreaturen. Vor ein paar Tagen habe ich sogar einen seltenen, pechschwarzen Drachen gesehen. Mit lautem Getöse erhob er sich neben uns aus dem Wasser. Um uns herum tobte passenderweise ein Unwetter. Während es am Himmel heftig blitzte, riß er sein Maul auf und ließ Diamant-Zähne aufleuchten. Die sind sehr begehrt auf den Märkten und wir mussten sie haben. Doch das Ungeheuer reckte den langen Hals in den Himmel und spie Feuer. Wir brachten uns in Sicherheit. Die Männer nickten mir zu. Zitternd trat ich an die Reling und murmelte ein paar Worte. Sofort wurde der Drache ruhig und senkte sich zu uns herab. Eilig machten sich ein paar Männer an seinen Zähnen zu schaffen. Nach ein paar Minuten wurde das Tier unruhig und ich flüsterte wieder, woraufhin der Drache den Hals einzog und blitzschnell abtauchte.

Triumphierend hielten die Männer die großen Diamanten in die Luft. Es war schon praktisch, eine Drachenflüsterin an Bord zu haben.

Auch, wenn Sie denken, es sei gefährlich als Frau in dieser rauen Männerwelt: Ich habe es mir so ausgesucht und bin stolz darauf, eine waschechte Piratin zu sein.


© Verena Grouls, 2015

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