*.txt: Gratwanderung

Durch Zufall stieß ich auf Dominiks Aktion mit dem Titel *.txt Alle drei Wochen wählt er ein neues Wort aus, zu dem die Teilnehmer etwas schreiben sollen. Ich finde die Aktion super, denn ich wollte doch sowieso wieder mehr schreiben.
Das erste Wort lautet „Gratwanderung“.

Gratwanderung – wie soll ich denn aus diesem Wort einen Text schreiben? Mir kommen da zwar viele Dinge in den Sinn, aber sind sie auch texttauglich? Ich denke da zum Beispiel an die jungen Mädchen, die damals mit mir in der Klinik waren. Mit den Sonden in der Nase. Federleichte Wesen waren das. Blasses Gesicht. Vorsichtig schlichen sie durch den Flur. Auf ihren Armen hatte sich ein weicher Flaum gebildet. Beim gemeinsamen Essen versuchten sie, so lange wie möglich zu kauen. Ganz langsam aßen sie.
Eine schlief nachts ohne Bettdecke. Um Kalorien zu verbrennen. Tagsüber stand sie mit einem Buch in der Hand im Gemeinschaftsraum und las. Jede Gelegenheit nutzte sie, um Kalorien verbrennen zu können. Auch, wenn es nur ein Fitzelchen einer Kalorie war.
Manchmal durften sie woanders essen. In der Mensa des Klinikums. Das Essen dort war nicht anders als das bei uns auf der Station. Es ging darum, dass diese dünnen Mädchen sich daran gewöhnen sollten, unter fremden Menschen zu essen.
Andere Male bekamen sie ihr Essen durch die Sonde. Eine Flasche hängt dazu an einem Gestell. Die Sonde ist mit ihr verbunden. Oft wehrten sich die Mädchen dagegen, denn sie wollten nichts essen. Sie wollen diese Flüssigkeit nicht.
Erschreckend sieht dieser Schlauch aus. Wie er in der Nase steckt. Was mag das für ein Gefühl sein? Bis hinunter in den Magen geht er. Ich erinnere mich, dass ein Mädchen sich die Sonde mal rausgerissen hat. Wie verzweifelt sie gewesen sein muss.

Gratwanderung – so lässt sie sich beschreiben. Diese Mädchen, die ich damals kennengelernt habe, wanderten auf einem schmalen Grat. Wie es ihnen wohl heute geht?

1 Kommentare

  1. Das klingt schon fast ein bisschen gespenstisch. o.O Was fehlte den Mädchen? Litten Sie unter einer extrem starken, krankhaften Ausprägung von Magersucht? Oder gab es andere Gründe für das Verhalten der Mädchen?

    AntwortenAntworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.