Rezension: Rattatatam, mein Herz – Vom Leben mit der Angst (Franziska Seyboldt)

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Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar von Kiepenheuer & Witsch erhalten, was aber in keiner Weise meine Rezension beeinflusst.

Rezension: Rattatatam, mein Herz – Vom Leben mit der Angst (Franziska Seyboldt)Rattatatam, mein Herz
Erscheinungsdatum: 11. Januar 2018
ISBN: 978-3-462-05047-9
Genre: Erfahrungsbericht
Seiten: 256
Format: Hardcover
Quelle: Kiepenheuer & Witsch

Jeder 6. Deutsche leidet im Laufe seines Lebens einmal unter einer Angststörung.

Angststörungen treten laut einer internationalen Studie häufiger auf als Depressionen. Und doch sind sie immer noch ein Tabuthema. Franziska Seyboldt will dies mit »Rattatatam, mein Herz« ändern.
Die Angst hat sich schon früh eingeschlichen in Franziska Seyboldts Leben. Und sie ist weit über das hinausgegangen, was man allgemein unter »ängstlich« versteht. Angst davor, mit der U-Bahn zu fahren, zum Arzt zu gehen, in beruflichen Situationen zu versagen, kurz: generalisierte Angststörung. Panikattacken. Millionen von Menschen kämpfen sich mit dieser Erkrankung und der daraus resultierenden Angst vor der Angst durchs Leben und sind wahre Meister im Ausredenerfinden geworden, notgedrungen. Warum spricht niemand darüber? Warum ist die Angststörung nicht so »normal« wie Depressionen oder Burn-out? Diese Fragen stehen am Anfang von Franziska Seyboldts poetischem und mutigen Buch, das ihren Weg durch die Angst beschreibt. Sie ist nie eingeladen, diese Angst, und doch immer dabei. Indem sie unter ihrem Klarnamen schreibt, befreit sich Franziska Seyboldt aus dem Zwang nicht aufzufliegen, keine Schwäche zu zeigen: »Ist man schwach, wenn man Schwäche zeigt, oder holt man sich gerade so die Kontrolle zurück?«, fragt sie.
Ein wegweisendes Buch, das eines der wichtigsten Themen unserer durchperfektionierten Gesellschaft aufs Tapet bringt.

Ich habe erst gezögert, ob ich das Buch überhaupt lesen soll. Schließlich kenne ich ein Leben mit der Angst sehr gut. Warum sollte ich also lesen, wie andere damit umgehen? Genau deshalb!
Die Angststörung ist etwas, was mich schon seit 18 Jahren begleitet. Sie traf mich eines grauen Februarvormittages in der Schule im Jahre 2000 – genauer, im Sportunterricht. Soweit ich mich erinnere, hatten wir eine Vertretungsstunde. Sie traf mich mit einer solchen Wucht, dass ich die nächsten Jahre zu kämpfen hatte.

Auch Franziska Seyboldt, die Autorin von „Rattatatam, mein Herz – Vom Leben mit der Angst“ kämpft gegen die Angst. Sie will sie loswerden, doch wie eine Klette begleitet das Biest sie durch ihren Alltag. Sie taucht in unpassendsten Situationen auf. An vielen Stellen dachte ich: „Genauso geht es mir auch!“ Die Autorin erzählt von einem Therapeuten, mit dem sie nicht zurecht kam. Als ich noch nicht volljährig war, hatte ich auch mal eine solche Therapeutin. Wenn die Chemie nicht stimmt, funktioniert das ganze nicht.

Dazu kommt das Gefühl, die Welt um mich herum sei unwirklich, (…)Rattatatam, mein Herz, Seite 16

Ich dachte früher immer, dieses Gefühl würde sonst niemand kennen. Was war los mit mir? Ich konnte es am Anfang nicht einordnen, was mein Herz nur noch mehr rasen ließ. Genau wie Franziska Seyboldt wollte ich aufstehen und aus der Situation fliehen. Dass das aber keine Option ist, habe ich erst später gelernt.

Ich habe in meine Handinnenfläche gekniffen, bis es wehtat, damit ich etwas spüre, das nicht die Angst ist, oder nicht nur. Rattatatam, mein Herz, Seite 240

Die Angst wird in dem Buch – zu welchem Genre gehört das eigentlich? Ein Ratgeber ist es nicht, ein Roman auch nicht. Ein Erfahrungsbericht? Erfahrungsroman? Erfahrungserzählung? – personifiziert. Das finde ich gut, so wird sie nicht nur greifbar, sondern angreifbar. Sie ist eine lästige Persönlichkeit, die immer dumme Fragen stellt, sagt, dass etwas passieren könnte. Immer da. Und wenn sie mal nicht da ist? Dann fehlt irgendetwas.

Als Leser begleitet man die Protagonistin, Franziska Seyboldt selber, einige Jahre lang, durch verschiedene Lebensbereiche, die Angst auslösend sind. Ob Autofahren oder ein Flugzeug besteigen, öffentliche Verkehrsmittel, Partys. Überall lauert die Angst.

Es ist schwer, ein solches Buch zu bewerten. Es ist immerhin kein Roman über eine fiktive Handlung, sondern etwas Reales. Es ist authentisch und gibt einen Einblick in das Leben mit der Angst. Es gibt Mut und den Anstoß, das Thema nicht zu tabuisieren, sich nicht hinter seiner Angst zu verstecken aus Sorge, die Leute im Umfeld könnten einen in Schubladen stecken, komisch anschauen, anders behandeln. Wir müssen aufhören, Menschen mit psychischen Krankheiten zu stigmatisieren. Bücher wie „Rattatatam, mein Herz“ können dazu beitragen, dass mehr Menschen dazu stehen, Angst zu haben.

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© Cover: Kiepenheuer&Witsch

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