Was das Smartphone für mich als Person mit Panikattacken bedeutet

Überall sieht man Smombies: im Bus, auf der Straße, in der Uni, im Restaurant. Menschen, die auf ihr Smartphone starren, darauf herumtippen und mit den Fingern über das Display wischen. Ihre Umwelt blenden sie komplett aus. Gespräche verstummen. Statt sich miteinander zu unterhalten, ist jeder mit dem Mini-Computer in seiner Hand beschäftigt.

Natürlich kann man darüber meckern. Dass es unhöflich ist, wenn man sich mit der Familie trifft und jeder dann nur auf sein Handy schaut, statt Gespräche zu führen. Manche können selbst beim Autofahren nicht die Finger davon lassen – aber das ist ein anderes Thema.

Ich stehe an der Ampel und warte darauf, dass die Fußgängerampel auf Grün springt und ich die Straße überqueren kann. Autos rauschen an mir vorbei. Es ist eine Kreuzung. Situationen wie diese machen mich nervös. Mehr als einmal hatte ich an dieser Stelle eine Panikattacke. Wird es diesmal auch so sein? Um mich abzulenken, schaue ich auf meine Nägel, knibbel an der Nagelhaut. Keine gute Idee. Irgendwann werden die Stellen an der Haut bluten. Überhaupt sieht meine Nagelhaut nicht sehr schön aus. Ich wechsele zum Handy, mein ständiger Begleiter. Nicht, weil ich süchtig bin oder ständig mit Freunden schreibe. In Wirklichkeit schreibe ich extrem selten Freunden. Die Uni-Whatsapp-Gruppe ist stummgeschaltet. Die meisten Nachrichten tausche ich via iMessage aus. Am meisten schreibe ich meinem Freund, gefolgt von meinen Eltern. Bei Panikattacken ist mein Freund derjenige, den ich anrufe oder dem ich schreibe. Alleine, dass er weiß, dass es mir gerade nicht so gut geht, hilft mir. Ob ich nun für eine Minute an der roten Ampel stehe oder im Bus sitze: ein paar Wischer auf dem Smartphone lenken mich ab und haben nichts damit zu tun, dass ich nicht auf meine Umgebung achte. Denn meine Sinne sind scharf eingestellt bei Panikattacken. Ich gehöre nicht zu denen, die die grüne Ampel nicht mitbekommen oder die nicht sehen, wohin sie laufen. Dass ihnen ein Radfahrer entgegen kommt oder ein Fußgänger, dem sie aus dem Weg gehen sollten, bevor sie umgefahren oder angerempelt werden. Selten schaue ich auf das Display, wenn ich gehe (an dieser Stelle muss ich aber zugeben, dass ich zu Beginn meiner Zeit als Smartphone-Nutzerin tatsächlich mal über eine Bordsteinkante gestolpert bin – so richtig mit hinfallen. Das ist allerdings nun schon neun Jahre her und seitdem nie wieder passiert).

Das Smartphone ist für mich eine Art Rettungsanker, den ich mir in meiner Jugend schon gewünscht hätte. Das erste Handy hat mein Vater zwar 2000 gekauft, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt keins und es dauerte noch so zwei oder drei Jahre, bis ich ein „altes“ von meinem Vater bekam. In Notsituationen habe ich schon mal meine Eltern anrufen müssen, wenn ich gerade eine Panikattacke hatte. Mit dem Smartphone kann ich aber noch viel mehr: Tweets lesen, Mails abrufen, Fotos machen. Und wenn es auch nur der Wetterbericht ist, den ich mir anschaue, wenn ich zum Beispiel an der Ampel stehe und plötzlich Angst bekomme.

Das Smartphone zu verlieren oder zuhause vergessen wäre eine Katastrophe für mich. Deshalb habe ich mir auch ein Ersatzhandy geben lassen, als ich im Winter den Akku habe austauschen lassen. Ohne die Sicherheit, die mir das iPhone gibt, durch die Stadt zu laufen, mit dem Bus zu fahren oder über die Ampel zu gehen, ist für mich undenkbar. Es reicht aus, dass das Gerät in der Tasche ist. Hauptsache, es ist bei mir.

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