Durchgeimpft – und nun?

Seit heute gelten der Mann und ich als durchgeimpft.

Doch was bedeutet das nun für mich? Zurück zur Normalität? Gibt es die überhaupt noch? Das Leben, wie wir es 2019 noch gekannt haben, gibt es, meiner Ansicht nach, nicht mehr.

Menschenmassen. Volle Busse und Züge. In einem Hörsaal sitzen oder im Kino. Alles ohne Maske und Abstand. Irgendwie ist die Vorstellung dieser doch so normalen Dinge komisch. Mittlerweile ist es für mich normal geworden, unter Menschen eine Maske zu tragen oder noch mehr Abstand als sowieso schon zu anderen zu halten. Steht an der Schlange beim Bäcker jemand zu nah, fühle ich mich unwohl.

Die letzten 1,5 Jahre habe ich mich zurückgezogen von allem, was riskant sein könnte. Manche würden jetzt behaupten, ich würde mich von meiner Angst „regieren“ lassen.

Ich streite nicht ab, dass meine Angststörung nicht auch einen Teil dazu beiträgt, dass ich extrem vorsichtig bin. Die Selbstisolation kommt also wie gerufen. Ich hatte schon lange keine Angst mehr.

Risikoabwägung

Aber Angst ist doch eigentlich dazu da, vor Gefahren zu warnen. Und eine Krankheit, die neu und noch nicht so weit erforscht ist und dazu auch noch leicht übertragbar ist, empfinde ich als Gefahr. Normalerweise habe ich vor Dingen Angst, die nicht real sind. Die Pandemie ist aber real. Die Gefahr ist da. Noch ist Long Covid nicht genug erforscht um genau sagen zu können, welche Auswirkungen es hat. Die Impfung nimmt mir einen Teil der Angst. Nämlich die Angst, ich könnte mich anstecken. Und, seien wir mal ehrlich: das Risiko besteht. Definitiv.

Ich lasse mich aber nicht von meiner Angst „regieren“. Ich wäge nur das Risiko ab. Nur wenig ist es wert, krank zu werden, wenn es sich vermeiden lässt. Zwar sage ich immer, dass ich mich sehr zurückgezogen habe. Aber das klingt, als würde ich gar nicht mehr das Haus verlassen. Das ist nicht so: ich gehe einkaufen, treffe meine Eltern und gehe zum Arzt, um z. B. jährliche Untersuchungen machen zu lassen. Freunde treffen war bisher ein zu großes Risiko und einfach in die Innenstadt fahren, so wie „früher“ fand und finde ich immer noch nicht sinnvoll. Vielleicht werde ich als Durchgeimpfte noch mal schauen, wie und ob Aachen sich verändert hat, seit ich das letzte Mal vor etwa einem Jahr kurz dort war.

Homeoffice und digitale Uni

Uni und Job findet von zuhause aus statt und nach 3 Semestern habe ich mich an diese digitale Uni gewöhnt. Teilweise gefällt es mir sogar viel besser, Vorlesungen und Seminar aus dem heimischen Esszimmer oder der Küche zu besuchen. Manche Veranstaltungen finden gar nicht live statt, sondern werden vorher aufgenommen und hochgeladen. Das macht das ganze noch flexibler und ich kann mir die Zeit einteilen. Aber das ist vielleicht Stoff für einen gesonderten Artikel.

Ich habe also das Glück, nicht rauszumüssen, um Geld zu verdienen und auch mein Mann arbeitet schon seit Februar 2020 komplett im Homeoffice. Er hat auch vorher schon viel von zuhause gearbeitet, um sich das Pendeln zu sparen. Auch ich kann mir vorstellen, so zu arbeiten und hoffe, dass Homeoffice sich mehr und mehr durchsetzt.

Baby steps

In den vergangenen Monaten habe ich wahrscheinlich viel verpasst. Ich habe so viele Menschen nicht sehen können. Doch bevor ich mich nun ins Getümmel stürze und all das, wofür ich ja irgendwie auch gekämpft habe, aufzugeben, fange ich klein an. Ich möchte es weiterhin vermeiden, mich mit Covid anzustecken. Denn auch wenn die Impfung schon gut schützt, muss ich es nicht übertreiben. Vorsicht ist besser als Nachsicht und so. Lieber bin ich weiter vorsichtig, als jemanden anzustecken, der nicht geimpft ist.

Ich habe letztens die Podcast-Folge „Nach dem Lockdown: Wie finden wir zurück ins Leben?“ von Stil & Stark gehört und mir ein paar wichtige Punkte notiert (leider erst nach etwa der Hälfte der Folge).

  • sagen, wie es einem geht und wenn ein Treffen zu viel ist
  • über eigene Bedürfnisse reden und Grenzen aufzeigen
  • eigenes Tempo, sich auf das Hier und Jetzt fokussieren; was kann ich gerade, was nicht? → Fokus auf Gegenwart!
  • Nein sagen
  • Achtsam mit eigener Kraft umgehen
  • sich fordern, aber nicht überfordern → wie einen Muskel trainieren; langsam anfangen; was ist ein erster machbarer Schritt um zu wachsen?
  • nichts erzwingen, sich Zeit geben

Gleichzeitig finde ich, dass die Menschen im Umfeld Entscheidungen akzeptieren sollen. Wenn ich z. B. eine Maske tragen möchte, obwohl ich in der Situation keine tragen muss, sollte mein Gegenüber das akzeptieren. Ebenso wenn ich Nein zu einem Treffen sage. Es ist nicht hilfreich, jemandem dann Druck zu machen oder Sätze wie „Du musst mal langsam wieder dies und das machen.“ Solche „hilfreichen“ Sätze kenne ich zur genüge als Person mit einer Angststörung. „Du brauchst doch keine Angst zu haben.“ oder „Jetzt stell dich nicht so an.“ durfte ich mir früher oft anhören. Vielleicht sind sie nicht böse gemeint und dem Sprecher ist nicht bewusst, wie wenig das hilft. Deshalb ist es ja so wichtig, offen zu sein und anzusprechen, was man braucht und was nicht.

Meine neue Normalität

Von zuhause arbeiten oder eine Vorlesung besuchen, tägliche Spaziergänge und Yoga. Das ist seit März 2020 meine neue Normalität. Ich habe mich daran gewöhnt und irgendwie meine Komfortzone gefunden, trotz mancher Momente, in denen ich wütend bin auch die Menschen, auf die Politik und die Welt.

Die Spaziergänge tun übrigens richtig gut. Auch wenn es nur eine halbe Stunde ist und fast immer die gleiche Strecke: es gibt immer was Neues zu entdecken. Eine Blume, die am Tag zuvor noch nicht geblüht hat. Kühe, die nun vorne am Zaun stehen und zwei Pferde neugierig begrüßen. Krähen, die sich auf dem Feld versammeln und bestimmt irgendwas planen, z. B. die Weltherrschaft. Das Kartoffelfeld beim Wachsen förmlich zusehen können. Insekten oder Vögel beobachten und überlegen, welches Tier das denn sein kann.

Beim Spazieren kann ich Kraft tanken und mich entspannen. Die Gedanken werden durch den Wind weggepustet (vorausgesetzt, es weht Wind). Hatte ich vor dem Spaziergang noch schlechte Laune und war traurig, verfliegt sie während ich draußen bin. Sogar der Regen macht mir dann nichts aus.


Bis wir uns wieder so wie „früher“ verhalten können und werden, wird es noch dauern. Das wichtigste, was ich festgestellt habe, ist Akzeptanz. Ich habe akzeptiert, dass die Pandemie die Welt auf den Kopf gestellt hat, dass ich verzichten muss und auch kann, um mich und andere zu schützen. Und, wie gesagt, es geht auch um die Akzeptanz anderer. Nämlich dass sie meine Entscheidungen und Bedürfnisse hinnehmen.

Wie sind eure Erfahrungen mit der „neuen Normalität“, mit den „Freiheiten“, die man als geimpfte Person hat?

1 Kommentare

  1. Das stimmt, allerdings muss die Akzeptanz in alle Richtungen gehen. Also nicht nur sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse akzeptieren und die Akzeptanz eben dieser eigenen Bedürfnisse von anderen einfordern, sondern auch die Bedürfnisse der anderen akzeptieren und zu verstehen, wenn die wieder mehr soziale Kontakte möchten, wieder mehr Treffen, mehr „Normalität“.

    Ich erwähne das deswegen, weil mir eben doch während der Pandemie aufgefallen ist, dass die Extreme die Deutungshoheit für sich beanspruchen und jeder der anders an die Dinge rangeht oder rangegangen ist, wurde ausgegrenzt. Und damit meine ich jetzt nicht die Coronaleugner*innen, die gehören zu dem einen Extrem. Aber ich habe dazu ja schon viel zu viel geschrieben.

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