Kurzgeschichte: Der Drache im Honigladen

feuerspeiender Drache mit einem Topf Honig vor sicheigene Illustration

Polternde Schritte rissen Larmi Warmheart aus einem tiefen Schlaf. Ihr langer Schwanz stieß dabei gegen das Bücherregal hinter der Schlafecke.

„Autsch,“ murmelte Larmi. Die Tür wurde aufgerissen und jemand schaltete das Licht ein, was Larmi blendete. Sie kniff die Augen zu.

„Laaaaami, aufstehen!“ Eine piepsige Stimme tauchte neben ihrem Ohr auf und eine kleine Hand strich über ihre schimmernden Schuppen, die Larmis Körper bedeckten.

„Heute ist dein großer Tag!“

Larmi öffnete erst ein Auge und blickte dem Mädchen, das sie geweckt hatte, ins Gesicht. Wie konnte man um diese Uhrzeit schon so munter und fröhlich sein, fragte sich Larmi.

Das Mädchen hüpfte vor ihr auf und ab, sodass ihre Zöpfe um den Kopf wirbelten. Larmi hob ihren schweren Kopf und öffnete vorsichtig auch das andere Auge. Gähnend stützte sie sich auf ihre Arme.

„Los, in einer halben Stunde macht der Laden auf!“ Das Mädchen tanzte weiter um den Drachen.

„Jaja, Lissy. Nun lass mich doch erst mal wach werden.“ Larmi rappelte sich auf und streckte sich. Zum Glück war sie nur ein kleiner Drache; aufrechtstehend maß sie in etwa zwei Meter.

Lissy zerrte an einer Tatze.

„Du bist so ein Morgenmuffel,“ stellte sie lachend fest.

Larmi seufzte. Ans frühe Aufstehen musste sie sich nun gewöhnen. Immerhin war es ihre Idee gewesen, Oma Lulu im Honigladen zu vertreten und Fanny im Verkauf auszuhelfen. Denn Oma Lulu war vor ein paar Tagen gestürzt und lag nun mit einer gebrochenen Hüfte im Krankenhaus.

Bisher hatte sich der kleine Drache nie den Kunden gezeigt, sondern sich im Büro aufgehalten, wo sie die Büroarbeit erledigte. Manchmal musste sie auch ins Lager, um die Bestände zu zählen oder Fanny etwas dort zu holen.

Die meisten Menschen, die Larmi trafen, fürchteten sich vor dem Drachen. Ihre Menschenfamilie jedoch hatte sie schon lange akzeptiert und in die Familie aufgenommen. Larmi gehörte nun schon seit 130 Jahren dazu.

Lissy ließ die Tatze los und rannte zur Tür. Larmi folgte ihr gemächlich die Treppe hinauf in die Küche.

Dort stand Fanny mit ihrem jüngsten Kind, Tommy, auf dem Arm an der Kaffeemaschine. Sie wollte gerade eine Tasse für Larmi füllen, als sie Lissy hörte, die, gefolgt von einer müde aussehenden Larmi, in der Küche erschien.

Tommy zappelte und wollte zu Larmi, doch Fanny setzte Tommy an den Tisch und schob ihm sein Müsli heran.

„Guten Morgen, Schlafmütze! Bereit für deinen ersten Tag als Honigverkäuferin?“ Fanny goss Kaffee für Larmi ein und reichte dem Drachen die dampfende Tasse.

Dankend nahm Larmi den Kaffee an und nippte an dem braunen Getränk. Sofort wurden ihre Augen klarer und sie fühlte sich etwas wacher.

Tommy griff nach Larmis Kaffee, den sie zwischen den Tatzen hielt, und quiekte vergnügt. Vor Hunden hatte der 2-jährige eine fürchterliche Angst, nicht aber vor einem fast zwei Meter großen, feuerspeienden Drachen und Klauen und spitzen Zähnen.

„Hey, mein Kaffee!“ Spielerisch stupste Larmi sanft mit einer Kralle gegen die kleine Nase des Jungen, was ihm ein weiteres Lachen entlockte.

Sie wandte sich wieder Fanny zu, die den beiden lächelnd zugeschaut hatte.

„Ich freue mich auf meinen neuen Job. Hoffentlich laufen die Kunden bei meinem Anblick nicht weg,“ antwortete sie auf Fannys Frage. Sie wackelte dabei mit den Flügeln, was sie oft tat, wenn sie nervös war.

„Die werden in Scharen in unseren kleinen, bescheidenen Laden kommen, nur, um dich zu sehen!“ Fanny kramte in den Schränken und schmierte etwas Honig auf eine warme Scheibe Toast. Sie reichte Larmi das Brot, was direkt in ihrem großen Maul verschwand.

„Außerdem bist du wunderschön,“ sagte Lissy zwischen zwei Bissen Marmeladentoast.

„Glitza,“ rief Tommy und meinte damit Larmis schimmernde Schuppen, die je nach Lichteinfall eine andere Farbe annahmen.

Schon bald war es Zeit, den Laden aufzuschließen. Zum Glück befand sich Fannys Honigladen direkt im Haus, sodass sie nur durch eine weitere Tür in der Diele gehen mussten, die in das Lager führte. Der kleine Trupp, bestehend aus Fanny an der Spitze, gefolgt von Larmi und Lissy auf dem Rücken und Tommy sowie Robbie im Schlepptau, betrat das Lager.

Robbie war der Mittlere der drei Geschwister. Genau wie seine große Schwester Lissy und der kleine Tommy war er mit Larmi aufgewachsen. Schon früh lernten sie den Umgang mit dem Drachen. Für sie war es selbstverständlich, mit einem Drachen unter einem Dach zu leben. Andere beäugten die Familie mit kritischen Blicken. Viele sprachen davon, dass der Drache eine Gefahr sei und weggeschafft werden müsste. Doch niemand ließ den Worten Taten folgen und Larmi war froh darüber. Sie kannte es schließlich nicht anders, da sie unter Menschen großgeworden war. Es war ein kleiner Junge gewesen, der das Ei, indem Larmi sich befand, vor 130 Jahren gefunden und mit nach Hause gebracht hatte. Seitdem lebte sie in diesem Haus und auch die Familie blieb über Generationen dort wohnen.

Fanny und Larmi bereiteten alles hinter der Kasse vor, während die Kinder Gläser einräumten oder einfach nur spielten. Lissy saß immer noch auf Larmis Rücken, von wo aus sie einen guten Überblick hatte und Tommy Befehle erteilte.

„Da hinten fehlt noch ein Glas,“ rief sie und deutete mit einer Hand zu einem Regal.

Als die Turmuhr der Kirche gegenüber neun Uhr schlug, nahm Fanny den Schlüssel vom Haken und schloss die Ladentür auf. Larmi stand hinter der Kasse, als wollte sie sich verstecken. Das war gar nicht so einfach, fiel sie doch vom Eingang direkt auf.

„Oh Gott,“ stieß eine Kundin hervor, die gerade den Laden betreten hatte. Sie hielt sich die Hände vor die Brust und starrte den Drachen mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund an.

Larmi starrte die Frau ebenfalls an. Nervös wackelten ihre Flügel, woraufhin die Frau rückwärts aus dem Laden stolperte.

„Warten Sie,“ rief Fanny und eilte ihr hinterher.

Die Kinder kicherten. Lissy krabbelte weiter an Larmis Hals herauf, sodass sie besser über sie hinwegsehen konnte. Schon als Baby hatte sie auf Larmis Rücken gelegen, manchmal wurde sie von dem Drachen so durch das Haus getragen. Auch ihre Brüder haben bereits viele Stunden auf ihrem Rücken oder in ihren Armen verbracht. Robbie hatte einmal die Idee, mit Larmi über die Stadt zu fliegen. Doch der Drache war seit Jahrzehnten nicht mehr geflogen und ihre Flügel waren auch zu klein. Sie wollte das Leben der Kinder nicht riskieren.

„Beim nächsten Mal solltest du Feuer speien,“ schlug Robbie vor.

„Das ist nicht lustig,“ ermahnte Larmi die Kinder. „Eure Mutter verdient sich mit dem Laden ihren Lebensunterhalt.“

„Papa arbeitet doch schon,“ meinte Lissy und kraulte Larmi hinter den Ohren.

„Aber eure Mutter möchte auch eigenes Geld haben und unabhängig sein. Frauen sollen nicht finanziell von einem Mann abhängig sein, verstehst du?“

Die Glocke über der Ladentür bimmelte und Fanny trat mit der Kundin ein. Die Frau war immer noch bleich im Gesicht, schien sich aber ansonsten beruhigt zu haben.

Immer noch mit Lissy auf dem Rücken, trat Larmi vorsichtig um die Kasse herum in den Verkaufsraum. Fanny lächelte sie aufmunternd an.

„Hallo,“ rief Lissy und winkte der Kundin zu. Der Anblick eines Kindes auf dem Drachenrücken entlockte der Frau einen kurzen Schrei, woraufhin Larmi vor Schreck eine kleine Flamme aus dem Maul stieß. Das machte die Situation nicht besser. Kreidebleich krallte sich die Kundin an Fanny, die ihr eine Hand auf den Rücken legte.

„Sie brauchen vor Larmi keine Angst zu haben,“ versuchte Fanny die Frau zu beruhigen. Sie griff in eine Bonbonschale und hielt ihr ein Honigbonbon hin. Stumm nahm die Kundin es an und packte es aus. Ohne den Blick von Larmi abzuwenden, steckte sie das Bonbon in den Mund. Larmi senkte beschämt den Blick. Sie hatte geahnt, dass die Kunden sich vor ihr fürchten würden. Die meisten schrien bei ihrem Anblick und flüchteten. Der Drache konnte es ihnen nicht verübeln, vor allem, wenn sie aus Versehen Feuer spie. Das passierte schon mal, wenn sie erschrak. Sie konnte sich vorstellen, wie beängstigend das für Menschen sein musste. Dabei war Larmi aber der zahmste Drache auf der ganzen Welt. Fanny und ihre Familie konnten das bestätigen.

Drachen waren sehr selten geworden und es gab nur wenige Menschen, die von ihrer Existenz wussten. Larmi war bisher erst einem Drachen begegnet und war mehr an Menschen als an Drachen gewöhnt.

„Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“ Larmi trat vorsichtig noch einen Schritt nach vorne. Der Schock war aus dem Gesicht der Kundin gewichen und machte nun Platz für Überraschung.

„Sie … Sie … also … sprechen,“ stammelte sie.

Fanny lachte erleichtert auf. „Ja, allerdings ist Larmi ein Morgenmuffel und vor ihrem ersten Kaffee nicht sonderlich gesprächig. Gut, dass sie den schon hatte. Dann kann sie nämlich manchmal ohne Ende reden.“

Robbie kletterte auf die Theke und strich über den glänzenden Panzer des Drachen. Diesmal schimmerte Larmi golden wie Honig.

„Darf ich Ihnen meinen Lieblingshonig zeigen?“ Larmi blieb ruhig stehen, um die Kundin nicht schon wieder zu erschrecken. Stumm nickte die Frau nur und wich einen Schritt zurück, als Larmi vorsichtig um sie herum trat und auf ein Regal zuging. Ihr Schwnaz glitt dabei geräuschlos und wie ein goldfarbener, glänzender Schleier über den Holzboden. Über die Jahre hatte Larmi gelernt, den Schwanz in Räumen so wenig wie möglich zu bewegen. Als Drachenkind hatte sie die eine oder andere Vase umgeworfen und für viele Scherben gesorgt.

Sie nahm ein Glas herunter und hielt es der Kundin hin. „Lavendelhonig! Besonders lecker zu Käse, aber auch einfach so auf Toast,“ erklärte Larmi. Auf dem Gesicht der Kundin machte sich nun ein Lächeln breit. Sie nahm das Glas an und Erleichterung durchfuhr Larmi und Fanny. Auch die Kinder stießen ihren angehaltenen Atem aus.

„Das war der Lieblingshonig meiner Mutter,“ sagte die Kundin staunend.

Das Eis war gebrochen und die Frau blieb noch eine Weile, um mehr über Larmi zu erfahren. Währenddessen kamen noch weitere Kunden dazu, die zunächst Angst vor dem Drachen hatten. Als sie jedoch sahen, wie sie mit den Kunden, Fanny und den Kindern umging, legte sich ihre Angst und zeigten Interesse an Larmi.

Der erste Tag für Larmi als Honigverkäuferin verging wie im Flug. Beim Abendessen wollte Joseph, Fannys Mann, alles wissen und Larmi erzählte mit leuchtenden Augen von ihrem aufregenden Tag.

Müde kuschelten die Kinder sich im Wohnzimmer an ihren Lieblingsdrachen, während Larmi ihnen eine Geschichte vorlas. Das hatte sie schon so oft in ihrem Leben gemacht und sie liebte es, Kindern vorzulesen.

Schon bald aber wurde auch sie müde und die Kinder sowie der Drache schliefen ineinander gekuschelt auf der großen Couch ein. Das Buch, was Larmi zwischen den Krallen gehalten hatte, fiel sanft zu Boden. So fand Fanny die vier schließlich vor, als sie das Licht ausmachen wollte. Der Anblick ließ sie lächeln. Sie legte den Kopf an die Schulter ihres Mannes und seufzte. Sie war jeden Tag dankbar für Larmi.

 


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