Warum ich das Abitur nachholen möchte.

Als Kind stand für mich fest: nach der Grundschule gehe ich auf’s Gymnasium – genau wie mein Bruder! Damals war alles noch anders. Mein Leben war unbeschwert. Nach vier Jahren auf der Grundschule war es dann endlich soweit: 1996 kam ich auf’s Gymnasium.
Sicher konnte ich damals noch nicht mit dem magischen Wort Abitur anfangen. Aber ich wusste, es ist etwas Wichtiges. Dass ich es haben musste. Ich wollte Moderatorin werden. Schreiben wollte ich auch. Journalismus klang in meinen Ohren toll.
Ich wurde älter und in der 8. Klasse legte mir das Leben schwere Steine in den Weg (davon habe ich ja schon mehrfach erzählt). Alleine konnte ich sie nicht wegräumen. Mit Hilfe anderer schaffte ich die Steine weg. Doch das erforderte harte Arbeit, viele Tränen, viele Versäumnisse und auch Geduld. Es bedeutete auch, meinen Traum vom Abitur aufzugeben. Zwar nahm ich mir fest vor, nach der Realschule zurück zu gehen, doch ich hätte mit einem Rückfall rechnen sollen. Er brachte alles durcheinander. Ich war zu schwach. Noch hatte ich sie längst nicht besiegt, die Angst. So vergingen die Jahre. Es folgten Therapien, Ratlosigkeit, Zukunftsängste und wieder viele weitere Tränen. Ich schwor mir, das Abitur irgendwann nachzuholen. Den Traum konnte und wollte ich nicht so einfach aufgeben. Bis heute habe ich es nicht verziehen, dass man mich vom Gymnasium genommen hat.

Vielleicht bin ich verbissen darin, mir den langjährigen Traum endlich zu erfüllen. Vielleicht möchte ich jemandem etwas beweisen. Vielleicht sogar mir selber.
Doch ich möchte das Abitur nachholen. Der Wunsch steckt schon so lange tief in mir drin. Ich bin jetzt stark und weiß, wie ich mit der Angst umzugehen habe und sie wird mir nicht noch einmal meinen Traum rauben. Schließlich habe ich mich zu lange von ihr einschränken lassen.

P.S.: Denkt nicht, dass ich jetzt keine Zukunftsängste mehr habe. Klar mache ich mir Gedanken darüber, was in drei Jahren sein wird. Was ich beruflich machen werde. Ob das mit dem anschließenden Studium klappt. Vielleicht möchte ich ja doch mit Mitte 30 ein Kind haben. Niemand kann in die Zukunft blicken. Doch all diese Ungewissheit hält mich nicht davon ab, mir den Traum zu erfüllen.

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